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INTERVIEW

Der Shitstorm um einen Artikel von Helmut Mauró zu Igor Levit in der Süddeutschen Zeitung dauert schon fast eine Woche an. Der strittige Tenor: Levits Erfolg als Pianist sei auf seine politischen Äußerungen auf Sozialen Netzwerken zurückzuführen und nicht etwa auf seine Fähigkeiten als Pianist.

„Die Empörung über die Empörung der jeweils anderen Seite ist der kommunikative Normalfall geworden“, sagt der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Im Gespräch erläutert er, was Medien aus der Debatte um Levit lernen können und wie soziale Medien auch die Musikwelt verändern.

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Artikel, Kolumnen, Glossen beschäftigen sich zur Zeit mit Levit in seiner Doppelrolle als Pianist und politischen Meinungsträger. Vor allem geht es aber um die Polemik von Helmut Mauró in der Süddeutschen Zeitung. Dadurch, dass beide Rollen in der Kritik vermischt werden, entstehe eine pauschale Abwertung, die nur kränken kann, findet Bernhard Pörksen.

Igor Levit (Foto: Robbie Lawrence)
Igor Levit Robbie Lawrence

„Eskalationsrhetorik" mit einer verletzenden, pauschalen Abwertung

Der Text bediene eine Eskalationsrhetorik mit großer Abwertung der Person, führt der Medienwissenschaftler weiter aus. Die Vokabel „Opferanspruchsideologie", die laut Chefredaktion und Autor die allgemeine Debattenkultur im Netz bewerte, lasse sich im Kontext des Textes durchaus auf den Musiker selbst beziehen. Das hat Levit in seiner Äußerung zum Artikel auch so aufgefasst.

Inzwischen hat sich die Chefredaktion bei Igor Levit entschuldigt. Das führte aber nicht zu einer Beruhigung der Gemüter. Nutzer*innen finden, dass die Zeitung in der öffentlichen Erklärung nicht die Verantwortung für den Artikel übernimmt und keine Schuld eingesteht. Levit selbst lehnte das Angebot ab, in der Zeitung auf die Kritik zu antworten. Der Artikel sei kein Beitrag zu einer sachlichen Debatte sondern verletzend und antisemitisch.

Der Artikel in der @SZ hat mich getroffen. Die Stellungnahme hat mich noch mehr getroffen. Am meisten hat mich die Mail des Chefredakteurs getroffen, der betont, hinter diesem Artikel zu stehen. Ich möchte darauf antworten - nur nicht in der SZ, aber herzlichen Dank fürs Angebot: https://t.co/tIbopSPYLz

Soziale Netzwerke haben die Struktur der Medienlandschaft verändert

Was aber nicht nur der Artikel, sondern vor allem die Reaktionen darauf zeigten, sei, dass sich die Medienwelt radikal verändert habe, so Pörksen im SWR2-Gespräch. Die sogenannten Leitmedien hätten keine Gatekeeper-Funktion mehr. Die Leser*innen und Nutzer*innen seien jetzt auch ermächtigt, sich zu informieren und sich sichtbar zu positionieren. Es werde nicht mehr in eine Richtung gesendet und der Rezipient stehe auch nicht mehr am Ende des Kommunikationsprozesses.

Bei dem Beitrag handele es sich um einen „falschen, blödsinnigen Artikel in einer sonst wirklich hervorragenden Zeitung", so Pörksen. Man habe die Reaktion darauf sicherlich falsch eingeschätzt. Der Protest, der sich als Reaktion auf den Artikel zusammenbraute, zeige, dass sich neben der Vierten Gewalt des klassischen Journalismus eine fünfte Gewalt der Vernetzten gebildet hätte.

Die „fünfte Gewalt der Vernetzten"

„Menschen, die sich über einen Artikel erregen oder aber auch die sagen, der Artikel war völlig richtig und die sich dann über die Empörung der jeweils anderen Seite wieder empören. Auch das zeigt dieser Fall - das ist so etwas wie der kommunikative Normalfall geworden unter den aktuellen Medienbedingungen."

Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler

Für Medien sei es deswegen wichtig, mit dieser fünften Gewalt umgehen zu lernen, meint Pörksen. Es gehe nicht darum, ausschließlich darauf zu hören, was in Sozialen Netzwerken geäußert wird. Medien sollten diese Beiträge aber auch nicht ignorieren. Sie sollten die Debatten-Ströme registrieren und mit einer „reflektierten Mischung aus Nähe und Distanz zum Publikum existieren", so Pörksen.

Ein Feuilleton-Beitrag aus einer alten Welt

„Künstler sind Menschen, und Menschen haben Meinungen und Positionen. Warum sollen sie diese nicht äußern? Zumal, wenn sie selbst in massiver Weise attackiert werden und rassistische und antisemitische Ausfälle in den sozialen Netzwerken an der Tagesordnung sind."

Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler

Insgesamt handele es sich in dem Artikel um „ein ganz altmodisches Verständnis des künstlerischen Daseins", so Pörksen. „Der Künstler soll im Zweifel in die Tasten hauen und seine Musik machen. Er soll sich aber um Himmels willen nicht gesellschaftspolitisch engagieren." Für den Medienwissenschaftler ist es klar, dass sich heutzutage auch Musiker*innen politisch äußern können.

Seriöse*r Pianist*in und Twitter-Nutzer*in mit einer großen Followerschaft - ein Widerspruch?

Es sei aber ein normaler Effekt, dass jemand, der sich sehr exponiert, Neid und Kritik auf sich ziehe. Man könne aber auch über die Positionen des Künstlers debattieren, ohne seine Fähigkeiten als Künstler damit in Verbindung zu bringen. Wichtig sei es bei einer Kritik, diese Kategorien nicht zu vermischen, sagt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.

„Man kann natürlich das gesellschaftspolitische Engagement von jemand bewerten, und man kann seine künstlerische Befähigung bewerten. In diesem Fall war es so, dass die ursprüngliche Polemik diese Vermischung vorgenommen und damit letztlich suggeriert hat, er würde gleichsam als Künstler gelobt, weil er politisch irgendwie die richtige Position vertrete. Da liegt ein Problem vor. Der Rückschluss von den einzelnen Positionen auf die gesamte Person, das ist ein Kategorienfehler."

Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler

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