Kommentar

Axel Brüggemann über das kritische Konzept: „Weltstar bringt Weltklasse“

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Die Salzburger Festspiele sind zu Ende – es gab allerhand Erfolge, aber auch kritische Momente. Der Auftritt von Anna Netrebko als Tosca wurde vom Publikum nicht gefeiert. Das könnte auch daran liegen, dass das Konzept: „Weltstar bringt Weltklasse“ nicht immer stimmt. Ein wenig mehr Mut wäre angebracht, findet SWR2 Kolumnist Axel Brüggemann.

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Große Opern-Momente

Die größten Opern-Momente, an die ich mich erinnere? Bei der Geburt von etwas Neuem dabei gewesen zu sein: Die Entdeckung der jungen Anna Netrebko 2002 in der „Figaro“-Produktion mit Nikolaus Harnoncourt bei den Salzburger Festspielen, die Wiederentdeckung von Mieczylaw Weinbergs Oper „Die Passagierin“ bei den Bregenzer Festspielen 2010 oder, als der Dirigent Franz Welser-Möst 2018 die vollkommen unbekannte Asmik Grigorian als Salome bei den Salzburger Festspielen auf die Bühne holte.

Dieses Jahr begeisterte sie als Senta im Bayreuther „Holländer“, Weinbergs „Passagierin“ wird inzwischen an vielen andere Häusern gespielt – und Anna Netrebko, klar: sie ist einer der größten Weltstars der Klassik geworden.

Teueren Stars alle Freiheiten geben – ein Fehler

Es ist schade, wenn sich Künstler*innen oder Intendant*innen auf dem alten Ruhm ausruhen. So wie dieses Jahr in Salzburg: Intendant Markus Hinterhäuser hielt am Prinzip fest, dass teure Stars mit allen Freiheiten automatisch erfolgreich sind. Von wegen!

Es ist schon absurd, dass Anna Netrebko inzwischen bestimmen kann, wer an ihrer Seite auftritt. In der Regel besteht sie auf ihren nicht immer höhensicheren Tenor-Gatten Yusif Eyvazov und den nicht immer ganz akkuraten Open-Air- und ehemaligen Drei-Tenöre-Dirigenten Marco Armiliato. So auch in Salzburg.

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Das Konzept ist nicht aufgegangen

Doch dieses Mal hat das eben nicht für Beifallsstürme gereicht: Zum ersten Mal zeigte sich das Publikum enttäuscht über einen Abend, bei dem (ach ja, welch Nebensache!) Puccinis „Tosca“ auf dem Programm stand.

Nicht nur, weil die Netrebko es nicht für wichtig hielt, an der Generalprobe teilzunehmen, sondern auch, weil es stimmlich nicht passte und sie anschließend kalte Füße bekam: Die Unitel hatte die „Tosca" für das ORF und arte aufgezeichnet. Die gleiche Produktion von der es schon ein Video mit Anja Harteros in der Titelrolle gab.

Hatte Netrebko plötzlich Angst vor einem Vergleich? Oder warum hat sie die Ausstrahlung nachträglich untersagen lassen? Im ORF wurde stattdessen (welch Symbol!) Der Krimi „Die Toten von Salzburg“ übertragen.

Wenn Superstars sich ausruhen

Nicht, dass wir uns missverstehen: Anna Netrebko gehört zu den besten Sängerinnen unserer Zeit. Noch immer! Und wie spannend es ist, wenn sie sich neuen Herausforderungen stellt, war oft zu beobachten: Mit russischen Liedern am Klavier begleitet, als Verdis Lady Macbeth oder als Elsa in Wagners „Lohengrin“ – alles spannende Projekte, die Künstlerin und Publikum gefordert haben.

Es ist schade, wenn Superstars anfangen, sich auszuruhen und dabei genau das vergessen, was sie einst ausgemacht hat: die Neugier, das Risiko, die Schönheit der Entdeckung!

Egal, ob Elina Garanca mit ihrem Mann, dem Dirigenten Karel Mark Cichon mit irgendwelchen Arienabenden durch die Gegend tingelt oder (was für ein trauriges Bild) Rolando Villazón „Tico Tico“ in der österreichischen Provinz Efering tanzt.

Keine Carte Blanche für Superstars!

Vor allen Dingen aber ist es die Aufgabe von Intendant*innen, unsere Superstars immer wieder zu neuen Höhenflügen zu animieren. Es kann nicht lange gut gehen, ihnen eine Carte Blanche zu geben, mit der sie die Regie und die Besetzung bestimmen können.

Dass ein großer Name allein schon einen großen Abend garantiert ist eine Mär. So werden die Neugier der Künstler*innen und des Publikums unterschätzt. Es ist eben immer spannender, einer Neugeburt beizuwohnen als einem Abgesang. Dafür ist es wichtig, nicht auf fahrende Züge aufzuspringen, sondern in der Lokomotive zu sitzen. Also: mehr Mut für mehr Abenteuer!

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