Buch-Tipp Chris Cander - Das Gewicht eines Pianos

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Vor einigen Jahren besuchte die junge amerikanische Autorin Chris Cander einen Literaturclub. In der Pause bekam sie zufällig mit, wie sich zwei Frauen über ein Klavier unterhielten: Eins, das nicht gespielt wurde, und von dem sich die Besitzerin trotzdem nicht trennen konnte, obwohl es mittlerweile zu einer Belastung geworden war. Die Geschichte faszinierte Chris Cander so sehr, dass sie als Initialzündung für ihren dritten Roman verwendete – dem ersten, der auch auf Deutsch erschienen ist. Desirée Löffler hat „Das Gewicht eines Pianos“ gelesen

Knapp 300 Kilo wiegt der alte Blüthner, den Automechanikerin Clara Lundy eines nachmittags mit ein paar Freunden in ihre neue Wohnung wuchten muss. Eigentlich hat das Team Übung, denn Claras Beziehungen gehen häufig in die Brüche, und entsprechend oft zieht sie mit ihrem Klavier um. Aber an diesem Tag greift jemand ungeschickt zu und das Klavier gerät ins Straucheln.

Das ist das erste Mal, dass Clara das echte Gewicht ihres Pianos so zu spüren kriegt - aber das metaphorische bedrückt sie schon lange. Denn Clara mag das Klavier nicht spielen, kann sich aber von dem letzten Geschenk ihres Vaters nicht trennen. Der Unfall stellt Clara nun vor vollendete Tatsachen: Mit ihrer Hand darf sie nicht arbeiten, und so viele Wochen ohne Einkommen kann sie sich nicht leisten. Also vermietet sie ihren Blüthner einem mysteriösen Fotografen namens Greg. Der schleift es quer durch das kalifornische Death Valley, um seine eigenen Dämonen zu besiegen.

Während Clara Greg und ihrem Klavier durch die Wüste folgt, entfaltet sich eine zweite Erzählebene: Die von Katya. Sie beginnt in den 50er Jahren, lange vor Claras Geburt, im russischen Sagorsk. Auch Katya bekommt den Blüthner als Mädchen geschenkt. Anders als Clara aber verliebt sie sich in den Klang des Klaviers und beginnt ein Studium am Leningrader Konservatorium. Sie will Konzertpianistin werden und tritt auch mit eigenen Kompositionen auf.

Die Idee, einem Instrument über viele Jahre und zu verschiedenen Besitzern zu folgen, ist nicht ganz neu. Der Film „The Red Violin“ tut das, und auch Jaume Cabrés genialer Roman „Das Schweigen des Sammlers“. Aber Chris Canders „Das Gewicht eines Pianos“ hat einen anderen Fokus: Es ist kein Rundumschlag, der einer Vielzahl von Figuren folgt und so ein episches Panorama eröffnet, sondern konzentriert sich auf das Seelenleben und die Beziehungen dieser zwei Frauen, die sich beide auf ihre Weise an ein Klavier binden.

Chris Cander ist selber keine Musikerin. Trotzdem führt sie ihre beiden Erzählebenen wie Melodie und Begleitstimme: Bestimmte Motive wiederholen sich, wie die Tatsache, dass beide Mädchen das Klavier unter merkwürdigen Umständen geschenkt bekommen haben. Dann gibt es diametrale Gegensätze, wie die unterschiedliche Beziehung der beiden Frauen zu dem Blüthner – eine Art Kontrapunkt. Und vor allem verleihen die Verwicklungen in Katyas Geschichte der von Clara Tiefe, sogar Sinn. Denn die Vergangenheit und die Gegenwart des Blüthners sind enger verknüpft, als es zu Beginn des Romans scheint.

„Das Gewicht eines Pianos“ liest sich leicht und schnell, aber nicht immer angenehm, denn die Figuren gehen nicht besonders gut miteinander um. Fast alle Beziehungen in Chris Canders Roman werden bis zur Zerreißprobe belastet. Das geht mit Lügen und kleinen Grausamkeiten, gelegentlich sogar mit Gewalt einher, und nicht immer sind dabei die beiden Protagonistinnen die Opfer.

Interessant, dass die beiden gesündesten Beziehungen in dem Roman am wenigsten mit dem Blüthner zu tun haben; bei den beiden schwierigsten dagegen ist das Klavier Dreh- und Angelpunkt. Musik ist hier also nicht, wie so oft, eine heilende Kraft – sie bedeutet jeder Figur etwas anderes. Für Clara ist sie ein Klotz am Bein, für Katya zugleich Lebenselixir und Obsession, für ihren Mann eine übermächtige Rivalin. Und Fotograf Greg versucht verzweifelt, mit ihrer Hilfe Zugang zu seiner eigenen Vergangenheit zu finden.

„Das Gewicht eines Pianos“ ist kein perfektes Buch: einige der Knotenpunkten zwischen den beiden Erzählebenen sind merkwürdige Zufälle, hin und wieder verirren sich Klischees in die Prosa, und das Ende kommt ein bisschen plötzlich kommt. Trotzdem präsentiert sich Chris Cander mit ihrem Debüt auf dem deutschen Markt als spannende, experimentierfreudige Autorin, die viel zu sagen hat, nicht nur über die Macht der Musik, sondern auch über die der Vergangenheit.

Buch-Tipp vom 29.3.2019 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

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