Brüggemanns Klassikkommentar

Das erste Neun-Euro-Kulturticket in Hagen: Eine gute Idee?

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AUTOR/IN
Axel Brüggemann
ONLINEFASSUNG
Simon Burri

Warum sollte, was in Bus und Bahn möglich ist, nicht auch im Theater möglich sein? Ein Neun-Euro-Ticket. So hat sich das die Marketing-Chefin am Theater Hagen gedacht. Für neun Euro pro Monat gibt es bis Ende des Jahres „all you can see“: Schauspiel und Oper – ausgeschlossen sind Weihnachtsmärchen und Gastspiele. Klingt gut, ist aber auch umstritten. Über den Wert der Kultur und elitäre Grenzen spricht Axel Brüggemann.

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Ein Angebot, das polarisiert

Klingt gut. Scheint anzukommen. Ist aber: umstritten! Wettbewerbsverzerrung rufen Intendantinnen und Intendanten in anderen Städten und besonders die freie Szene argumentiert: Hier wird mit Steuergeldern eine Dumping-Kultur finanziert.

Ganz Unrecht haben die Kritiker nicht. Klar, es ist zu verstehen, dass Theater nach dem Publikumsschwund durch Corona, während der schwierigen Zeit von Inflation, Rezession und steigenden Energiekosten neue, kreative Lösungen suchen.

Möglicherweise gar ein finanzieller Gewinn

Das Theater Hagen argumentiert: Es ginge in der Neun-Euro-Aktion nicht allein um das eigene Haus, man wolle ein neues Publikum generell für Kultur interessieren; Menschen, die man bisher nicht erreicht habe. Davon würde am Ende auch die freie Szene profitieren. Und überhaupt: die Aktion sei zeitlich befristet, nach 2022 würde das Neun-Euro-Ticket unwiderruflich auslaufen, beteuert Geschäftsführer Thomas Brauers.

Gleichzeitig weist er darauf hin, dass das Projekt finanziell sogar ein Gewinn werden könnte: Abonnenten bekommen die Neun-Euro-Tickets automatisch zugeschickt, die Abos laufen aber weiter, und wenn genügend Neun-Euro-Tickets verkauft werden, ist der Umsatz am Ende eventuell größer als bei weniger teurer verkauften Karten. Das Theater Hagen finanziert das Neun-Euro-Ticket vollkommen aus eigenen Mitteln.

Hagener Stadttheater, Schauspielhaus, Hagen, Westfalen, Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, Europa *** Hagener Stadttheater, Schauspielhaus, Hagen, Westphalia, Ruhr Area, North Rhine-Westphalia, Germany, Europe (Foto: IMAGO, Copyright: imageBROKER/ThomasxRobbin)
Das Theater Hagen will mit dem Neun-Euro-Kulturticket laut eigenem Bekunden auch ein neues Publikum ansprechen. Copyright: imageBROKER/ThomasxRobbin

Kultur soll für alle erschwinglich sein

Ich persönlich glaube, Theater müssen die aktuelle Krise aushalten. Auch deshalb werden sie von Steuern getragen. Auch deshalb wurde ihnen in der Corona-Krise geholfen. Auch deshalb gibt es Pläne, sie auch in der Energiekrise zu unterstützen.

Theater brauchen sich nicht zu rechnen, und die kostspielige Oper kann das auch gar nicht. Darauf haben wir uns als Gesellschaft geeinigt.

Jedes verkaufte Ticket wird mit bis zu 200 Euro unterstützt. Wir lassen uns Kultur etwas kosten – weil sie für uns als Gesellschaft „wertvoll“ ist. Gleichzeitig soll Kultur – das ist ein weiteres Staats-Ziel – für jeden erschwinglich sein. Das Neun-Euro-Ticket löst diese Idee radikal ein.

Ein Für und Wider

Aber es ist eben auch ein Pakt mit dem Theater-Teufel: Kultur muss etwas wert sein. Sichtbar. Nach außen. Sie mehr oder weniger zu verramschen, haben weder Goethe, Schiller, Beethoven noch Mozart verdient – und erst recht nicht jene, die von der Kultur leben (zum Teil vollkommen ohne Zuschüsse).

Aber auf der anderen Seite macht uns das Neun-Euro-Ticket bewusst: Kultur darf nicht elitär sein.

Nur ein Marketing-Gag?

Zur ganzen Wahrheit in Hagen gehört allerdings auch: Schon vor der Pandemie war das Theater nicht sonderlich erfolgreich. Die Leute kamen einfach nicht mehr. Wird mit einem Neun-Euro-Ticket am Ende nur durch Marketing kaschiert, dass man das Publikum auf konventionellem Weg nicht mehr erreicht?

Als zeitlich befristeter Marketing-Gag ist das Ticket schon jetzt ein Erfolg: nationale Aufmerksamkeit, eine handfeste Debatte und, ja, auch: neues Publikum. Es wäre schade, wenn das sofort durch schlechte Inszenierungen wieder vertrieben würde.

Mittel- und Langfristig werden dem Theater Hagen und allen anderen Stadttheatern nur drei Dinge wirklich aus der Krise helfen: Qualität. Qualität und: Qualität!   

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