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In einem FAZ Gespräch diskutieren fünf Intendant*innen über ihren Umgang mit Political Correctness an ihren Opernhäusern. Einige „Alpha-Männer“ entlarven ihre Unwissenheit, findet unser Kolumnist Axel Brüggemann. Besonders deutlich wird der Kontrast, wenn eine Intendantin, die einen neuen Führungsstil vorlebt, zu Wort kommt.

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Interview mit Intendant*innen legt veraltete Führungskultur offen

Natürlich kann man, (nein, man muss) über veraltete Strukturen an deutschen Theatern philosophieren. Immerhin, es ist viel passiert: Sex- und #MeToo-Affären an Opernhäusern in der Welt und in Deutschland, Wutausbrüche von Dirigenten, Übergriffe von Operndirektoren und immer wieder Beschwerden, dass ausgerechnet an Häusern, die sich Humanität auf die Fahnen schreiben, Diversität und Gleichberechtigung Fremdwörter sind.

Aber was war das denn da beim großen Intendanten-Interview der FAZ Anfang Mai? Dort rannten Deutschlands Alpha-Opernmacher Bernd Loebe (aus Frankfurt), Peter Theiler (von der Semperoper in Dresden) oder Dietmar Schwarz (von der Deutschen Oper in Berlin) offensichtlich unfreiwillig gegen eine rhetorische Wand aus ihrem eigenen Testosteron.

„Political correctness“ — wissen die Herren, wovon sie sprechen?

Sie alle haben erst einmal beteuert, wie liberal es in ihrer Klassik-Welt doch zuginge. Natürlich bräuchte man „political correctness“, „Konzepte gegen Rassismus und sexuelle Übergriffe“. Warum nur hörte sich all das an, als wüssten die Herren in Wahrheit gar nicht, wovon sie reden?

Ist es wirklich ein Beleg für Friede-Freude-Opern-Eierkuchen, wenn Bernd Loebe erklärt, dass es in 20 Jahren an seinem Haus nur zwei „Vorfälle“ gegeben habe – oder ist es eher ein Zeichen des konsequenten Wegschauens? In der FAZ-Runde saß übrigens auch eine Frau, Sophie de Lint von der Oper in Amsterdam.

Sophie de Lint — eine andere Arbeitskultur an der Oper Amsterdam

Als Dietmar Schwarz davon sprach, dass man vielleicht mal bei jungen Leuten nachfragen solle, was sie eigentlich wollen, antwortete Lint: „Machen wir längst!“

Während der Pandemie hat Amsterdam Studierende und Absolvent*innen der Hochschulen an die Ruder gelassen und danach neue Planungslinien formuliert: global versus regional, langfristig versus kurzfristig.

Und als Peter Theiler erklärte, dass am Ende doch einer — also im Idealfall: er selber! — Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen müsse, erklärte Lint ihm: Nö!

„Ich lerne gerade, dass man doch kollektiv verantwortlich sein kann. Das ist nicht einfach, aber möglich. Man lernt dabei, neu zu denken“, so die Intendantin.

Peter Theiler und Christian Thielemann werden nicht verlängert

All das las sich bis vor kurzem so, als würde eine Frau auf verlorenem Posten den alten Männern eine Welt erklären, die sie gar nicht verstehen wollen. Seit Montag (10. Mai 2021) müssen einige dieser Herren nun lernen, dass auch die Welt der Musik sehr wohl Regeln befolgt.

Peter Theiler wird nicht als Intendant der Semperoper verlängert. Ebenfalls gehen muss Musikdirektor Christian Thielemann — der war zuvor bereits bei den Salzburger Osterfestspielen und als Musikdirektor in Bayreuth rausgeflogen.

Die Gründe – fragt man einige Musiker*innen – waren eigentlich immer die Gleichen: unkooperatives Benehmen, kein Gespür für soziale Belange, zu wenig Dialog, dazu ein eingeschränktes Repertoire und keine künstlerische und geistige Öffnung des Orchesters oder des Hauses.

Verbrannte Erde in Dresden

Gerade Theiler und Thielemann, die sich in den letzten Monaten einen öffentlichen Kampf der Alphamännchen geliefert haben, gehören jetzt beide zu den Verlierern.

Was aber wirklich schade ist: Sie hinterlassen verbrannte Erde, eine Semperoper und eine Staatskapelle, die ein Schatten ihrer alten Tage sind. Aber, so würde es vielleicht Wagner sehen: am Ende auch die Chance auf einen Neuanfang.

Den Anfang einer Klassik-Kultur, der die allgemeinen Werte einer Gesellschaft, die Werte von Gleichberechtigung, Wertschätzung, und verbindlichen Umgangsformen auch wirklich etwas wert sind.

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