Daniel Barenboim 2017 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Vit Simanek/CTK/dpa | Vit Simanek)

Klassik

Dirigent, Friedensstifter und Weltstar der Klassik: Daniel Barenboim feiert seinen 80. Geburtstag

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Lydia Huckebrink

Der israelisch-argentinische Dirigent und Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper zählt nicht nur zu den wichtigsten Musik-Persönlichkeiten der Gegenwart, sondern ist auch unermüdlicher Vermittler zwischen den Kulturen. Am 15. November 2022 feiert Daniel Barenboim seinen 80. Geburtstag.

Daniel Barenboim dirigiert, 2008. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, dpa | Klaus-Dietmar Gabbert)
Er gilt als musikalisches Genie: Der Pianist, Dirigent, Generalmusikdirektor und Weltbürger Daniel Barenboim. Gekonnt setzt er sich und seine Musik in der Öffentlichkeit in Szene. dpa | Klaus-Dietmar Gabbert Bild in Detailansicht öffnen
Bereits als Siebenjähriger hat er seinen ersten Auftritt in seiner Heimatstadt Buenos Aires. Der Junge hat das Klavierspielen ausschließlich von seinen Eltern gelernt, die selbst Pianisten und Pädagogen waren und die Kinder russisch-jüdischer Einwanderer in die USA. 1952 wanderte die Familie aus – zunächst nach Europa, später nach Israel. epa afp TELDEC CLASSICS Bild in Detailansicht öffnen
In Europa festigt Barenboim seinen Ruf als Teenage-Shootingstar am Klavier. Als 13-Jähriger spielt er umjubelte Debüts in London, Paris und New York. Er sei „ein Phänomen“, sagt der berühmte Dirigent Wilhelm Furtwängler. HIP | Jewish Chronical Bild in Detailansicht öffnen
Barenboim macht als Solopianist, aber auch als Liedbegleiter und Kammermusiker Karriere, etwa mit den Geigern Itzhak Perlman und Pinchas Zukerman. 1967 heiratet er die begabte Cellistin Jacqueline du Pré. Die beiden gelten als Traumpaar der Klassik, bis Du Pré an Multipler Sklerose erkrankt. Ihr früher Tod mit nur 42 Jahren: ein Schicksalsschlag. Photoshot Bild in Detailansicht öffnen
Am Klavier erarbeitet sich Barenboim in kurzer Zeit ein beeindruckendes Repertoire. Er macht wegweisende Plattenaufnahmen und bekommt zahlreiche Grammys. Seine Einspielung der 32 Beethoven-Sonaten von 1984, die er schon als 16-Jähriger beherrschte und insgesamt bereits dreimal einspielte, gilt als Referenzaufnahme. United Archives / kpa Bild in Detailansicht öffnen
Dann beginnt die zweite Karriere: Ab den 60er Jahren tritt Barenboim als Dirigent in Erscheinung – mit durchschlagendem Erfolg. 1967 gibt er sein Debüt mit dem New Philharmonia Orchestra in New York. Seine erste Oper dirigiert er 1973: „Don Giovanni“ in Edinburgh. Zwei Jahre später ist er Chefdirigent des Orchestre de Paris. United Archives / kpa Bild in Detailansicht öffnen
Bald ist er ein Dirigent von Weltrang, spielt mit allen bedeutenden Orchestern: London Symphony Orchestra, London Philharmonic Orchestra, Chicago Symphony Orchestra, Berliner Philharmoniker, Wiener Philharmoniker, Orchester der Mailänder Scala. Vit Simanek/CTK/dpa | Vit Simanek Bild in Detailansicht öffnen
Berlin ist Barenboims Wahlheimat. Die Berliner Staatsoper Unter den Linden machte ihn 1992 auf Lebenszeit zu ihrem Künstlerischen Leiter und Generalmusikdirektor. Auch bei der Staatskapelle Berlin ist er Chefdirigent auf Lebenszeit. Geisler-Fotopress | Thomas Bartilla/Geisler-Fotopress Bild in Detailansicht öffnen
Eine besondere Leidenschaft pflegt Barenboim zu Wagners Musik. Ab 1981 dirigierte er 18 Sommer in Folge die Bayreuther Festspiele. In Israel sorgte Barenboim 2001 für einen Eklat, als er mit der Staatskapelle Berlin einen Auszug aus „Tristan und Isolde“ interpretierte. Die Musik des Antisemiten Richard Wagner ist in Israel ein Tabu. Geisler-Fotopress | Thomas Bartilla/Geisler-Fotopress Bild in Detailansicht öffnen
Faszinierend an Barenboim ist seine stilistische Bandbreite. Er hat Bach, Beethoven, Wagner genauso perfektioniert wie zeitgenössische Musik. Häufig dirigiert er Werke von Komponisten wie Lutosławski, Berio, Boulez, Henze, Dutilleux und Takemitsu. Roman Zach-Kiesling / First Look / picturedesk.com Bild in Detailansicht öffnen
Eine tiefe Freundschaft verband Barenboim mit Edward Said. Barenboim teilte die Ansichten des palästinensisch-amerikanischen Intellektuellen über die Zukunft des Nahen Ostens. Gemeinsam suchten sie nach einer friedlichen Lösung des Konflikts. 2002 ehrt Kronprinz Felipe von Spanien ihr Engagement mit dem Prinz-Von-Asturien-Preis. dpa/dpaweb | epa efe Cereijido Bild in Detailansicht öffnen
Das West Eastern Diwan Orchestra ist das Herzensprojekt von Barenboim, das er gemeinsam mit Edward Said 1999 ins Leben rief. Es ist ein Ensemble von jungen Musiker*innen aus dem Nahen Osten: unter anderem Israel, Palästina, Ägypten, Syrien, Jordanien. dpa | SALAS Bild in Detailansicht öffnen
Barenboim glaubt an die versöhnende Kraft der Musik. 2012 ernennt ihn der Generalsekretär Ban Ki Moon zum UN-Friedensbotschafter. 2012 gründet er in Berlin die Barenboim-Said-Akademie in Gedenken an den bereits verstorbenen Freund, um die Friedensarbeit durch Bildung und Musik fortzusetzen. Sandro Campardo Bild in Detailansicht öffnen
Unermüdlich engagiert sich Barenboim für die musikalische Förderung von Kindern und Jugendlichen. Im Bild unterhält er sich mit Grundschüler*innen in Berlin. Er gründete Musikkindergärten in Berlin und Palästina. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Frieden durch Musik: dazu gehört auch der Aufbau eines palästinensischen Jugendorchesters. 2008 erhält Barenboim die palästinensische Ehrenstaatsbürgerschaft – „für seinen Einsatz für das palästinensische Volk und einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern“. dpa/dpaweb | epa Hollander Bild in Detailansicht öffnen
Für seine künstlerischen Leistungen und sein gesellschaftspolitisches Engagement wurde Barenboim mit Auszeichnungen überhäuft: Ernst von Siemens Musikpreis, Herbert-von-Karajan-Musikpreis, Praemium Imperiale. 2011 die Erhebung in den britsichen Ritterstand. dpa | Jens Kalaene Bild in Detailansicht öffnen
2013 erhält er von Bundespräsident Joachim Gauck das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. dpa | Wolfgang Kumm Bild in Detailansicht öffnen
Es regnet nicht nur Ruhm. Für seinen Führungsstil wurde Barenboim zuletzt heftig kritisiert. Mitarbeitende beschuldigten ihn, im Orchester eine „Atmosphäre der Angst“ zu verbreiten. Barenboim wies die Vorwürfe zurück. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Zu seinem 80. Geburtstag am 15. November 2022 wird es keine offizielle Feier geben. Daniel Barenboim musste das geplante Konzert absagen. Aufgrund einer neurologischen Erkrankung habe sich sein gesundheitlicher Zustand auf unbestimmte Zeit verschlechtert. dpa/TASS | Vyacheslav Prokofyev Bild in Detailansicht öffnen

Dirigent, Pianist und Weltbürger

Der Ausnahmemusiker Daniel Barenboim prägt die klassische Musikwelt wie kein zweiter. Nicht nur hat er als Pianist früh alles erreicht, sondern sich auch als Dirigent Weltruhm erspielt.

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Für seine künstlerischen Leistungen wie auch für sein unermüdliches gesellschaftspolitisches Engagement im Nahen Osten genießt er weltweit hohes Ansehen. Die Liste der Preise und Auszeichnungen ist lang: Ernst von Siemens Musikpreis, Herbert-von-Karajan-Musikpreis, Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, Ernennung zum UN-Sonderbotschafter.

Barenboim glaubt an Versöhnung durch Musik

Barenboim glaubt an die versöhnende Kraft der Musik. Zeit seines Lebens engagierte er sich für eine friedliche Lösung des Konflikts zwischen Israel und Palästina, basierend auf gegenseitigem Verständnis und Dialog.

Zusammen mit dem palästinensischen Kulturwissenschaftler Edward Said gründete Barenboim 1999 das West-Eastern Diwan Orchestra, ein Jugendorchester bestehend aus Musiker*innen aus Israel, Palästina und anderen Ländern des Nahen Osten.

Klavierspielen vom Vater gelernt

Daniel Barenboim wurde am 15. November 1942 in Buenos Aires geboren. Er stammt aus einer Familie russisch-jüdischer Auswanderer nach Argentinien. Barenboims Eltern waren Musiker und Pädagogen. Sein Vater brachte ihm das Klavierspielen bei und blieb sein einziger Lehrer.

Als die Familie 1952 Argentinien in Richtung Israel verließ, erhielt Barenboims musikalische Entwicklung neue Impulse. Er studierte in Salzburg und Paris und galt bald als musikalisches Ausnahmetalent.

SWR2 Zur Person Der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim – Zum 80. Geburtstag

Daniel Barenboim ist eine der zentralen Künstlerpersönlichkeiten der Gegenwart. Als Pianist, Dirigent und Initiator viel beachteter Projekte ist er seit Jahrzehnten in der Musikwelt aktiv. Für sein Engagement wurde er mehrfach ausgezeichnet. Anlässlich seines 80. Geburtstages porträtiert die Musikjournalistin Maria Ossowski den Klassik-Star.

SWR2 Zur Person SWR2

Schon als Teenager eine Sensation

Daniel Barenboim machte zunächst als Pianist Karriere. Als 13-Jähriger spielte er umjubelte Debüts in London und Paris und später mit erstrangigen Orchestern auf der ganzen Welt.

Das umfangreiche Repertoire, dass Barenboim sich als Pianist erarbeitet hatte, war beeindruckend. 1972 nahm ihn die Deutsche Grammophon erstmals unter Vertrag. Aus dieser Partnerschaft entstanden bedeutende Aufnahmen sowohl als Solokünstler als auch in Zusammenarbeit mit den Klassikgrößen seiner Zeit: Dietrich Fischer-Dieskau, Jessye Norman, Itzhak Perlman, Jacqueline du Pré.

Aufstieg zum Dirigenten von Weltrang

In den 60er-Jahren entwickelte er sich zu einem Dirigenten von Weltrang, der mit allen bedeutenden Orchestern der Welt spielte: London Symphony Orchestra, London Philharmonic Orchestra, Berliner Philharmoniker, Chicago Symphony Orchestra, Orchestre de Paris, Bayreuther Festspiele, Wiener Philharmoniker, Mailänder Scala.

Die Berliner Staatsoper Unter den Linden machte ihn 1992 sogar auf Lebenszeit zu ihrem Künstlerischen Leiter und Generalmusikdirektor. Auch die Staatskapelle Berlin machte ihn zu ihrem Chefdirigenten auf Lebenszeit.

Kritik an patriarchalem Führungsstil

2019 geriet Daniel Barenboim wegen Kritik an seiner Person und seinem Führungsstil in die Schlagzeilen. Mehrere Mitarbeitende der Berliner Staatsoper und andere Musiker*innen berichteten – teils anonym, teils unter ihrem Klarnamen – über physische und psychische Übergriffe und sprechen von einer „Atmosphäre der Angst“.

Er sei kein Lamm, sagte Barenboim gegenüber SWR2 zu den Vorwürfen, „ich rege mich auf, ab und zu.“ Gedemütigt habe er aber nie jemanden.

Gesundheitliche Probleme

Aufgrund gesundheitlicher Probleme musste sich Daniel Barenboim zuletzt teilweise von seinen Verpflichtungen zurückziehen. Im Herbst 2022 hatte er mitgeteilt, für längere Zeit nicht mehr dirigieren zu können. Auch die geplanten Feierlichkeiten zu seinem 80. Geburtstag in Berlin musste er absagen.

Dennoch: Die Musik sei ein dauerhafter Bestandteil seines Lebens, schrieb Barenboim Anfang Oktober auf Twitter. „Wenn ich zurück und nach vorne blicke, bin ich nicht nur zufrieden, sondern zutiefst erfüllt.“

Mit einer Mischung aus Zuversicht und Traurigkeit gebe ich heute bekannt, dass ich mich in den kommenden Monaten von einigen meiner Auftritte, insbesondere von Dirigaten, zurückziehen werde. https://t.co/xlCKxBpLdr

Zeitwort 7.7.2001: Daniel Barenboim dirigiert Wagner in Jerusalem

Der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim zählt zu den ganz Großen in der Szene der Klassischen Musik. Er versteht sich nicht nur als Künstler, sondern auch als politischer Vermittler. Sein Versuch, Musik von Richard Wagner in Israel zu spielen, kam allerdings nicht bei allen gut an.

SWR2 Zeitwort SWR2

Musikthema Daniel Barenboim äußert sich zu Vorwürfen

Daniel Barenboim wurde in der letzten Zeit mit harten Vorwürfen konfrontiert: er sei launisch, jähzornig und aggressiv. Jetzt hat sich der Dirigent und Pianist dazu geäußert. Ein Beitrag von Maria Ossowski.

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Lydia Huckebrink