Musikgespräch

Cymin Samawatie über die Iran-Proteste und Musik als Widerstand

STAND
KÜNSTLER/IN
Cymin Samawatie
INTERVIEW
Martin Hagen

„Ich wünsche mir einfach, dass Menschen im Iran Kunst machen können, ohne Genehmigungen und Repressionen“. Mit Hoffnung, aber auch viel Trauer beobachtet die Musikerin Cymin Samawatie die Lage im Iran. Bereits zu den letzten Protesten hat sie Songs geschrieben, immer innerlich und emotional, denn das sei ihre Art des Kunstmachens, sagt sie. Bei SWR2 spricht sie über politische Musik in der aktuellen Widerstandsbewegung und wie gerade Frauen auch in der Kulturszene im Iran immer noch drangsaliert und schlechter gestellt werden.

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Wie erleben Sie persönlich im Moment die Proteste im Iran? Sind Sie da näher dran, weil Sie noch Verwandte dort haben?

Ich habe Verwandte dort, mein Vater lebt dort und ich habe natürlich viele Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins. Ich habe leider aktuell mit niemandem vor Ort Kontakt.

Ich beobachte die Lage vor allem über Social Media, und auch über andere Kanäle, um zu schauen, was da wirklich vor Ort passiert. Ich bin natürlich, wie die meisten von uns, sehr traurig, sehr erschrocken, sehr erschüttert und würde ich mir natürlich auch schneller Veränderungen wünschen.

Welche Rolle, wenn überhaupt, spielt denn die Musik bei dieser Protestbewegung?

Ja, Musik ist natürlich etwas sehr, sehr Wichtiges. Es verbindet: gemeinsam Singen, gemeinsam auf die Straßen gehen, wahrscheinlich auch Parolen rufen.

Es ist schade, dass man nicht frei sein darf mit seiner Kunst, mit dem, was man sagt, mit dem, was man fühlt und was man denkt. Und umso wichtiger ist die Musik, die man dann machen darf als Künstlerin, auch außerhalb des Irans, und auch das, was eben dort passiert und zu uns durchdringt.

TRICKSTER ORCHESTRA (Foto: Pressestelle, Foto: Susanne Diesner)
Das Berliner Trickster Orchestra, Ensemblebild mit der Co-Gründerin, Komponistin und Dirigentin Cymin Samawatie. Pressestelle Foto: Susanne Diesner

Wie ist denn grundsätzlich die Lage von Musikerinnen im Iran? Dürfen Frauen offiziell nur singen oder auch Instrumente spielen oder ist das auch schon verboten?

Na ja, Frauen dürfen Musik machen, sie dürfen singen, sie dürfen Instrumente spielen, aber natürlich immer nur unter strengsten Regeln auf der Bühne. Natürlich müssen sie entsprechend gekleidet sein.

Singen dürfen sie vor gemischtem Publikum nicht, sondern nur vor Frauen. Frauen dürfen für Frauen vor Frauen singen, mit Frauen auf der Bühne. Ein gemischter Chor darf auch vor einem gemischten Publikum singen. Aber es heißt dann auch nicht unbedingt, dass es dann auch noch genehmigt wird.

Es ist immer ein sehr langwieriger Prozess, der nicht sehr viel Spaß macht und sehr anstrengend ist und man braucht immer auch die Beziehungen. Wenn man nicht die entsprechenden Beziehungen hat, dann ist es wirklich sehr, sehr schwierig. Das muss man sich über Jahre erarbeiten und es ist wirklich keine Freude, als Künstlerin oder Künstler im Iran Kunst zu machen.

Man muss immer wissen: Wie muss ich das machen? Was darf ich und was darf ich nicht?

Ich bin natürlich da umso mehr dankbar, dass ich in Deutschland geboren und groß geworden bin und die Freiheiten entsprechend habe als Künstlerin.

Die momentane Protestbewegung im Iran ist nicht die erste, aber vielleicht eine, die tatsächlich Erfolg verspricht. Wie reagieren Sie auf die momentane Situation und können Sie mit Musik und Liedern da Mut machen?

Das ist meine Aufgabe! Ich habe immer mal wieder das Gefühl, dass ich nichts verändern kann. Ich kann nur das herauslassen, was in mir steckt und vielleicht erreicht es aber auch den einen oder anderen Menschen.

Das kann ich selbst nicht so beurteilen. Ich tue das, was ich kann, indem ich darüber spreche und eben auch natürlich Musik schreibe und spiele und wenn ich Konzerte gebe, darauf aufmerksam mache.

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