SWR2 Mittagskonzert vom 22.1.2023

Wegbereiter der internationalen Chorszene: Clytus Gottwald gestorben

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REDAKTEUR/IN
Eva Pobeschin
MODERATOR/IN
Frauke Vetter
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Simon Burri

Am Mittwoch, dem 18. Januar 2023, ist ein Wegbereiter der internationalen Chorszene verstorben. Clytus Gottwald wurde 97 Jahre alt und hat bis in dieses hohe Alter hinein unermüdlich gearbeitet: In den letzten 30 Jahren waren es besonders seine Bearbeitungen von bekannten Kunstliedern, die er für mehrstimmigen Chor transkribiert hat. Es sind gewagte Bearbeitungen. Ein 19-stimmiger Chor beispielsweise ist bei ihm keine Seltenheit.

Gesang als Mittelpunkt des Schaffens

1925 wurde er geboren in Schlesien und war ein Musicus der alten Schule durch und durch: Gesangsstudium, Promotion in Musikwissenschaft, aber ein Theologiestudium gehörte zu seiner umfangreichen Ausbildung.

Gesang stand immer im Mittelpunkt seines Schaffens und dazu noch Neue Musik – eine heikle Mischung in der Nachkriegszeit. Denn viel neue Vokalmusik gab es nicht gerade und schon gar keine, die weder hochintellektuell noch zu volksliedhaft ist. Das wollte Cyltus Gottwald ändern – und tat es auch. Er griff zum Stift, komponierte nicht nur, sondern arrangierte und transkribierte.

Gefragte Transkriptionen

Eine von Clytus Gottwalds Spezialitäten, wenn man es so sagen will, ist neben dem Transkribieren von Kunstliedern auch das Bearbeiten von reinen Instrumentalwerken für Chor a cappella. Es ist ein heikles Unterfangen, denn es sind mehr eigene Interpretationen des Werkes als reine Bearbeitungen. Aber genau das macht Clytus Gottwalds Chorsätze so beliebt: Sie sind voller offensichtlicher Emotionen.

Gustav Mahlers Adagietto aus seiner 5. Sinfonie beispielsweise war für Clytus Gottwald eines dieser Werke. Er sieht dieses Instrumentalwerk als „Liebeslied“ von Gustav an seine Frau Alma und fasst es auch als solches auf: Jeder Moment der Liebe sei hierin enthalten, erzählt Gottwald, auch Krise, Abschied, Trennung. Den Text nimmt er von Joseph von Eichendorff: „Im Abendrot“.

Bearbeitungen von Ravel, Messiaen und Mahler

Es ist auffallend, dass Gottwald sich vor allem der Werke des 19. und 20. Jahrhunderts widmete, um Bearbeitungen anzufertigen. Und zwar aus gutem Grund: Im 19. Jahrhundert gab es grob gesagt zwei Strömungen in der Chormusik, die sich immer weiter voneinander wegbewegten. Das ausgeprägte Laienchorwesen à la Friedrich Silcher und als Gegenpart Intellektuelle Kunstmusik, in der Chöre nur als Begleiterscheinung von großen Instrumentalwerken vorkamen.

Diese Entwicklung zu durchbrechen – das hat Clytus Gottwald geschafft. Nicht zuletzt mit seinen Bearbeitungen französischer Lieder. „Soupir“ und „La vallée des cloches“ von Maurice Ravel und den 5. Satz aus Olivier Messiaens „Quatuot pour la fin du temps“.

Inspiriert durch Instrumentalwerke

Geboren in Schlesien verbrachte Gottwald viel Zeit seines Lebens in Stuttgart – als Sänger, Dirigent und Komponist. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg auch Redakteur für Neue Musik, deswegen verwundert es nicht, dass ihn für seine späteren Vokalbearbeitungen viele Instrumentalwerke beeinflusst haben. Arnold Schönbergs Kompositionsstil war einer davon.

Eine der emotional tiefsten seiner Transkriptionen eines Kunstliedes hat schon im Original ohne Frage einen bewegenden Charakter. Es ist Gustav Mahlers Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ für Singstimme und Orchester.

Clytus Gottwald bearbeitet es für sechszehnstimmigen Chor a cappella – geradezu gewagt, bedenkt man, wie differenziert Mahler das Orchester in diesem Werk einsetzt. Doch es funktioniert so gut, dass eine Zeitungskritik über Gottwalds Bearbeitung titelte: „Sie ist ihm so gut gelungen, dass sie dem Original ebenbürtig erscheint“.

Musikgespräch Musiker mit Leib und Seele: Zum Tode von Clytus Gottwald

Der renommierte Chorleiter, Komponist, Rundfunkredakteur und Musikwissenschaftler Clytus Gottwald ist im Alter von 97 Jahren verstorben. Er war bekannt für seine Arbeit als Bearbeiter zahlreicher Werke für vielstimmigen A-Cappella-Chor und als prägende Gestalt der modernen Chormusik, sagt Dorothea Bossert, Chormanagerin des SWR Vokalensembles.

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