Buch-Tipp Clara Schumanns Jugendtagebücher

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Ein junges Mädchen schaut uns etwas schüchtern von der Seite an, aus dem Hintergrund blickt streng und stolz zugleich ein Mann auf das Mädchen. Treffender lässt sich kaum die Kindheit und Jugend von Clara Wieck, angeleitet und überwacht durch ihren Vater Friedrich Wieck, in einem Bild zusammenfassen. Eine gute Wahl also für das Buch-Cover einer Neuerscheinung zum Clara-Schumann-Jahr 2019: Die Tagebücher aus ihrer Kindheit und Jugend sind nun zum ersten Mal vollständig in einer wissenschaftlichen Edition erschienen.

Am 20. Oktober 1828 tritt das erst 9-jährige Wunderkind Clara Wieck zum ersten Mal in einem öffentlichen Konzert auf. Im Leipziger Gewandhaus spielt sie eine Komposition von Friedrich Kalkbrenner. Nur neun Tage später droht allerdings dieser vielversprechende Start von Clara Wiecks Pianistinnen-Karriere schon wieder zu enden. Am 29. Oktober liest man in ihrem Tagebuch:

Frühe Eintragungen in den Tagebüchern stammen von ihrem Vater

Das Kind möchte man treffen, das mit gerade mal 9 Jahren solche Zeilen über sich selbst schreibt. Auch Clara Wieck war nicht so ein Kind. Die Eintragungen in den Tagebüchern aus ihren Kindheitsjahren stammen alle von ihrem Vater, Friedrich Wieck. 1827 legte er das erste Heft an – Clara war da knapp 8 Jahre alt und zeigte offenbar musikalisches Talent, so dass ihr Vater auf eine Karriere hoffte, die nun dokumentiert werden sollte. Die ersten Lebensjahre des Mädchens trug er nach. Erst mit ungefähr 14 Jahren stammen immer wieder auch Einträge von Clara selbst. Sie übernimmt die Art und Weise des Tagebuchführens von ihrem Vater: Tag für Tag zeichnet sie auf, an welchen Orten sie welche Konzerte gibt, mit wem sie zusammentrifft und welche Musiker sie selbst in Konzerten und Opernaufführungen hört. Über ein Konzert im Gewandhaus schreibt sie 1835:

Meinungsstarke Tagebucheinträge

Mit Kritik hält sich Clara Wieck in ihrem Tagebuch nicht zurück – auch das durchaus vom Vater abgeschaut. Schonungslos beschreibt sie die Schwächen von Sängern, Schauspielern, Musikern und sie urteilt über neue Kompositionen. Sie kann aber auch ins Schwärmen kommen, wenn ihr etwas gefällt. Dabei ist immer wieder erstaunlich, mit welchem Selbstbewusstsein sie sich äußert. Immerhin verkehrt sie, die ja erst ein Teenager ist, nicht selten mit den Stars des zeitgenössischen Musiklebens: Sie trifft beispielsweise auf Mendelssohn, Liszt, Chopin, Pauline Viardot oder Wilhelmine Schröder-Devrient. Selbst als mit fortschreitendem Alter der Vater Friedrich Wieck nicht mehr an ihrer Seite ist und Einschätzungen vorgeben kann, bleiben Claras Einträge meinungsstark.

Ein immer wiederkehrendes Thema ist außerdem die Suche nach Instrumenten, auf denen sie während ihrer Konzertreisen spielen kann. An jedem neuen Ort kümmert sie sich als erstes um ein geeignetes Klavier für ihre Auftritte – offenbar ein nicht immer leichtes Unterfangen. 1840 in Hamburg:

Aufschlussreiche Details

Ganz neue, bahnbrechende Erkenntnisse zu Clara Schumanns Kindheit und Jugend sind von der ersten vollständigen Edition ihrer Tagebücher nicht zu erwarten, denn frühere Biografen haben diese Quelle schon ausgewertet und die wichtigsten Passagen zugänglich gemacht. Trotzdem lohnt es sich, in diesem dicken Wälzer zu stöbern und immer wieder aufschlussreiche Details über ihre Konzerte und gesellschaftlichen Begegnungen in ihren täglichen Aufzeichnungen zu finden. Ob Clara Wieck selbst oder ihr Vater die Feder führte, ist immer deutlich gekennzeichnet. Vor allem lässt sich nun auch jede noch so kryptische Tagebucheintragung entschlüsseln, denn fast die Hälfte des Buchs nehmen die Anmerkungen und das Personen- und Werkverzeichnis ein, in dem wirklich alles zu finden ist, was in Clara Wiecks Texten unklar sein könnte. Schade nur, dass die Anmerkungen als Endnoten konzipiert sind und für jedes Tagebuchheft neu durchnummeriert werden. Das mag zwar ästhetisch ansprechender sein, aber um beim Lesen schnell etwas nachzusehen, ist das doch leider etwas umständlich. 

Im September 1840 enden Clara Wiecks Jugendtagebücher: Nach einem langen Kampf – auch das lässt sich in den Tagebüchern nachlesen – konnte sie die Hochzeit mit Robert Schumann endlich gegen den Willen ihres Vaters durchsetzen. Ihr Leben als Ehefrau, Musikerin und Komponistin dokumentiert Clara Schumann weiter. Nun aber in einem gemeinsamen Ehetagebuch.

Buch-Tipp vom 3.4.2019 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

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