Weltersteinspielung: Orpheus und Eurydike in der Fassung von 1774 Mit der Wucht einer antiken Tragödie

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CD-Tipp vom 25.5.2018

Sollte es eine Symbolfigur geben für die Macht der Musik, die alles verwandeln kann, dann ist das der antike Sänger Orpheus. Mit seinem Spiel der Leier und seinem herrlichen Gesang versteht er es sogar, die wilden Tiere zu zähmen, die Steine zu erweichen und die Furien in der Hölle zu bändigen. Klar, dass dieser Stoff mit seinem Lobpreis auf die Musik unzählige Komponisten inspiriert hat: Christoph Willibald Gluck hat mit seiner Oper „Orpheus und Eurydike“ eine der berühmtesten Adaptionen geschaffen. Und mit dem Titelhelden eine Paradepartie für jeden Countertenor. Philippe Jaroussky, seit Jahren ein Stern am Himmel dieser Zunft, hat das Werk jetzt erstmals einspielt.

Sublime Verzierungskunst

Wenn Sie die berühmte Arie des Orpheus „Che farò senza Euridice“, die Philippe Jaroussky auf dieser CD singt, etwas anders in Erinnerung haben sollten, dann liegen Sie richtig. Jaroussky, das Orchester I Barocchisti und der Dirigent Diego Fasolis haben für ihre Einspielung, die bei Erato herausgekommen ist, nämlich auf die Fassung von 1774 zurückgegriffen, die am Hoftheater von Neapel herauskam: Diese Version liegt damit erstmals auf CD vor. Sie unterscheidet sich zum Beispiel dadurch, dass der Orfeo in Neapel von einem Sopran- und nicht von einem Altkastraten gesungen wurde. Die Arie „Che farò“ musste deshalb transponiert und höher gesetzt werden, weitere instrumentale Veränderungen kamen hinzu. So gab es im neapolitanischen Orchester auch keine Zinken, Posaunen und Chalumeaux, und diese Änderungen führen zu einem intimeren Klangcharakter. Neu komponiert wurden dazu zwei Arien, die allerdings nicht von Gluck selbst stammen. Aber die Grundstruktur des Werks ist erhalten geblieben. Philippe Jarousskys Interpretation ergreift paradoxerweise umso stärker, je mehr er den Ausdruck zurücknimmt. Er ist nicht der Mann für die großen, dramatischen Ausbrüche, aber seine noble, stilisierte Trauer geht zu Herzen. Warum? Weil er eine erstaunliche ästhetische Disziplin hat und über eine sublime Verzierungskunst verfügt, und weil er so expressiv ist in den Zwischentönen.

Natürlich und kernig im Klang

Der Amor der ungarischen Sopranistin Emöke Baráth wirkt dagegen fast schon wie ein Naturkind. Sie hat eine schlanke, bewegliche Stimme mit Strahlkraft, die aber zugleich geerdet erscheint: natürlich und kernig im Klang, rund und warm. Sie ist für mich der heimliche Star dieser Aufnahme und überragt sogar die Eurydike der Amerikanerin Amanda Forsythe. Einen wesentlichen Anteil an der hohen Qualität dieser neuen CD haben allerdings auch Fasolis mit seinem Orchester und dem Coro della Radiotelevisione Svizzera. Denn sie steuern den Kontrapunkt zu Jarousskys hochkultiviertem, französischen Orfeo bei, indem sie die Schrecken der Unterwelt mit drastischen Mitteln darstellen. Wie in der dritten Szene, wenn Orpheus mit seiner Leier in die Hölle einzieht und von den Furien bedroht wird.

Ungeschönt und brutal klingen Diego Fasolis’ Barocchisti, wenn sie die lebensfeindliche Unterwelt verkörpern, und auch der Gesang des Coro della Radiotelevisione Svizzera ist hier dem geschrienen Befehl näher als dem Belcanto: Es hat schon etwas von Psychoterror an sich, wenn die Sängerinnen und Sänger mit ihrer Übermacht auf Orpheus eindringen, auf diesen einsamen, verlorenen Menschen. Bei Fasolis vermittelt Glucks Oper noch etwas von der Wucht der antiken Tragödie mit ihrem therapeutischen Schrecken, der Katharsis: Nicht nur der Titelheld, auch wir, sein Publikum, sollen buchstäblich durch die Hölle gehen. Und mit genau dieser Idee gewinnt die Aufnahme etwas vom Kulturschock zurück, der einmal am Anfang der historisch informierten Aufführungspraxis stand: weg von den Trugbildern des geglätteten Schönklangs.

CD-Tipp vom 25.5.2018 aus der Sendung Treffpunkt Klassik - Neue CDs

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