Brüggemanns Kolumne

Blumenstrauß mit Stacheln: Ein Geburtstagsgruß an Plácido Domingo zum 80.

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Plácido Domingo hat zweifellos eine einmalige Karriere hingelegt und die klassische Musik nicht zuletzt mit den Drei Tenören zum hollywoodgleichen Spektakel gemacht. Ans Aufhören denkt er nicht – doch seine letzten Jahre werden von schweren Anschuldigungen überschattet. Axel Brüggemann gratuliert mit einem Blumenstrauß, der auch Stacheln enthält, zum 80. Geburtstag des Tenors.

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Plácido Domingo, damals mindestens so cool wie Hollywood

Ich stecke eine Blume aus dem Garten der eigenen Erinnerung in den Geburtstagsstrauß für Plácido Domingo: Plácido Domingo – schon der Name ist Symbol meiner Opern-Begeisterung.

Plácido Domingo 1982 zusammen mit Teresa Stratas im Opernfilm "La Traviata". (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Plácido Domingo 1982 zusammen mit Teresa Stratas im Opernfilm "La Traviata". Picture Alliance

Als Teenager war ich im Kino:

  • „Carmen“ mit Julia Miguenes – und Domingo war dabei, als fescher, männlicher, schneidiger Don José!
  • Davor schon als romantisch verschwommen in Szene gesetzter Alfredo in Verdis „La Traviata“ – an der Seite von Theresa Stratas,
  • später als geblackfaceder (das machte man damals so!) Otello, der im Kino wie ein wilder Stier gegen seine Eifersucht kämpfte – und verlor.
  • Und dann natürlich: live, von den Originalschauplätzen in Rom – morgens, mittags, abends – in den Fernsehern der Welt: als Cavaradossi in „Tosca“. Ein TV-Event!

Plácido Domingo war bestimmt nicht nur für mich der Beweis: Oper ist mindestens so groß, so cool, so schillernd wie Hollywood.

Die Drei Tenöre: eine Klassik-Boy-Group!

Und dann natürlich die Drei Tenöre: der mit dem Taschentuch, der Hübsche mit der dunklen Stimme … und – so heißt es bei den Simpsons – der andere! Pop-Stars! Eine Klassik-Boy-Group!

Frauen, Frauen, Frauen: die #Metoo-Debatte

30 Jahre ist das nun her. Ich habe gerade einen Film darüber gedreht: Caracalla, Drei Tenöre – und sehr viel: Testosteron. Ich habe Plácido Domingo dafür getroffen, immer wieder, auch in Caracalla – vier Tage, bevor die #Metoo-Debatte über ihn hereinbrach. Vor seiner Garderobe: Frauen, Frauen, Frauen – jeden Alters! Berauscht. Entzückt. Sie wollten ihn sehen, dem Star nahe sein. 

„Aber er war auch ein hübscher Kerl“

Man kann heute keinen Film über Placido Domingo mehr machen, ohne all das zu thematisieren. Ich war bei seiner damaligen Bühnenpartnerin Brigitte Fassbaender. Na klar hätte Domingo auf offener Szene die Chance ergriffen, sie zu berühren: „Aber er war auch ein hübscher Kerl.“ So sei das damals eben gewesen. Domingo wollte sie, aber sie hatte gerade eine Affäre mit dem Regisseur. Die wilden 80er! 

Genau so klang auch die Argumentation von Domingo, nach den #Metoo-Vorwürfen. All das hatte ihn 30, 40, 50 Jahre später eingeholt: Die Zeiten seien anders gewesen, er hätte keine Frau verletzen wollen – was man halt so sagt.

Das Leben eines männlichen Popstars

Domingo ist kein James Levine. Der eine hat seine Macht ausgenutzt, selbst Minderjährige verführt, der andere hat das Leben eines männlichen Pop-Stars geführt. Frauen gehörten offensichtlich dazu, ebenso wie der zeitweilige Verlust der eigenen Würde im Angesicht der Lust. Ob und wie er dabei die Würde anderer verletzte, kann heute nur schwer entschieden werden.

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In den USA geächtet, in Europa trotzig gefeiert

Und doch: Domingos Lebenswerk wird am Ende überschattet von seinem Sexleben. In den USA: verbannt, geächtet, rausgeworfen. In Europa, besonders in Österreich, weiter verehrt, geliebt und geradezu trotzig gefeiert! Zwei Extreme, beide irgendwie merkwürdig.

Im Geburtstagsstrauß für Placido Domingo gibt es viele Blumen, Sonnenblumen, Trockenblumen und Rosen mit Dornen: Erinnerungen an große Auftritte, an eine für einen Klassik-Star einmalige Karriere, Oper als Teil der Populärkultur, und – Fehler, Größenwahn, die Sucht, geliebt zu werden, bis heute.

Domingo braucht den Applaus

Es scheint Domingo nicht möglich zu sein, den Lebensabend mit Frau Marta in einer Villa am spanischen Meer zu genießen. Er scheint den Applaus zu brauchen, die Bewunderung, die Menschen. Kann man es ihm übel nehmen?

Domingo hat die größten Verdi-Charaktere gesungen, als Tenor. Seine Stimme ist tiefer geworden, heute erinnert er an einen der tragischsten Verdi-Protagonisten, an den alten Falstaff. Niemand weiß, wird Domingo in Wahrheit 80? 81? 83? Egal!  „Tutto nel mondo è burla“. Wirklich tutto? Ist wirklich ALLES Spaß auf Erden?

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