Thomas Voigt: Jonas Kaufmann. Tenor

Erweiterte Biographie

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AUTOR/IN
Dagmar Penzlin

Buchkritik vom 29.7.2015

Jonas Kaufmann gilt vielen als der aktuell beste Tenor: Ob deutsches, italienisches oder französisches Fach – er meistert alle großen Partien exzellent. Im vergangenen Jahr landete er mit seinem Operettenalbum sogar in den Pop-Charts. Für den Henschel Verlag offensichtlich Anlass, eine bereits 2010 erschienene Biographie über den Sänger in einer erweiterten Neuausgabe herauszubringen. Autor ist in beiden Fällen Thomas Voigt.

"Hollywood-Star" der Opernszene

Gäbe es für die beiden Biographien über Jonas Kaufmann jeweils eine typische Musik, müsste es für das 2010 erschienene Buch natürlich „La Traviata“ von Giuseppe Verdi sein. Das Staunen über den Durchbruch zur internationalen Spitzenklasse mit einer „La Traviata“-Aufführung an der New Yorker Met bestimmte den Grundton dieses ersten Porträts: „Meinen die wirklich mich?“ – so damals der Untertitel. Jetzt heißt es einfach „Jonas Kaufmann. Tenor“ – und vom Cover blickt einen jetzt eben dieser Sänger in gekonnter Filmstar-Pose an: im Smoking, mit Drei-Tage-Bart und Schmachtblick, und man hat sofort einen der Evergreens von Kaufmanns aktuellem Operettenalbum im Ohr.

Jonas Kaufmann gilt als Hollywood-Star der Opernszene, sein Operettenalbum hat sich die Pop-Charts erobert, und er ist jetzt so populär, dass er in der Helene-Fischer-Show ein Duett mit der Gastgeberin gekonnt darbietet. Ergo: Seine insbesondere weibliche Fan-Schar dürfte sich noch weiter vergrößert haben. Da kommt diese Neuausgabe der Biographie höchstwahrscheinlich zum richtigen Zeitpunkt, um gute Verkaufszahlen zu produzieren.

Und so geht es zu Beginn gleich darum, wie es ist, jetzt ein Weltstar zu sein, und unendlich viele Interview-Anfragen und Einladungen zu bekommen. Jonas Kaufmann geht dabei ganz pragmatisch mit seinem Sex-Symbol-Image um und sagt sinngemäß, wenn dadurch ein paar mehr Leute in die Oper oder ins Konzert gingen, passe das schon so. Denn letztlich geht es ihm, dem hochintelligenten Spitzentenor, um Gesangskunst, um Ausdruck, und das vermittelt sich weiterhin bei allen Hochglanz-Zutaten der Biographie-Neuausgabe!

Nervige Lobeshymnen

Vergleicht man beide Biographien miteinander, die von 2010 und die Neuausgabe aus diesem Jahr, wird schnell klar, dass vieles aus der Erstausgabe übernommen ist. Die Kapitel sind zwar etwas umgestellt und erweitert. Doch wie gehabt, steht der Lebensweg von Jonas Kaufmann im Zentrum: sein musikbegeistertes Elternhaus, die Entdeckung der eigenen Stimme, seine Anfängerjahre in der Provinz und eine erste, letztlich wegweisende Stimmkrise, dann der Aufstieg zur Weltspitze, und wie Jonas Kaufmann dieses Niveau hält. Biographische Texte wechseln sich ab mit Interview-Passagen, gestrichen ist das Doppelinterview mit seiner Ehefrau Margarete Joswig; das Paar hat sich getrennt.Neu ist dafür ein kurzes Doppelinterview mit der Sopranistin Anja Harteros.

In dem Autor Thomas Voigt hat Jonas Kaufmann einen kompetenten Gesprächspartner. Dadurch geht es auch inhaltlich immer wieder in die Tiefe. Wir erfahren etwas über die Opern und Lied-Zyklen, die Kaufmann singt – wie er sie interpretiert, auch darüber, wie er seine Karriere plant. Neben diesen interessanten Einblicken muten die vielen eingestreuten Lobeshymnen von Kollegen etwas nervig an. Wer Ohren hat, weiß, dass Kaufmann ein Ausnahmesänger ist. Da würde das begeisterte Geleitwort von Placido Domingo locker reichen.

Zitate aus Fan-Briefen

Thomas Voigt ist Journalist genug, um gleich von Anfang an mit offenen Karten zu spielen. So schreibt Voigt im Vorwort zur Neuausgabe, dass er sich schon seit einiger Zeit um die Öffentlichkeitsarbeit von Jonas Kaufmann kümmert. Sprich: Er bedient die PR-Maschinerie und gehört zum engeren Kreis um Kaufmann. Entsprechend duzt er ihn jetzt in den Interview-Passagen, das war vorher nicht so. Und hier und da wirkt die Neuausgabe glatter – etwa dadurch dass die Passage gestrichen ist, in der der Gesangslehrer von Kaufmann ihn warnt, sein Privatleben nicht zu vernachlässigen. Dafür wird jetzt aus Fan-Briefen zitiert, um etwa die – Zitat – „therapeutische Wirkung“ von Kaufmanns Singen zu dokumentieren.

Und die Fans werden wohl auch dankbar zu dieser Neuausgabe der Biographie greifen – nicht zuletzt wegen der vielen schönen Bilder. Insgesamt gesehen, ist diese Neuausgabe – im Vergleich zur Erstausgabe – nicht zwingend. Zumal es vermutlich nicht die letzte sein wird ...

Buchkritik vom 29.7.2015 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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Dagmar Penzlin