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Buchkritik vom 28.1.2015

Als Komponist ist der 1901 geborene Simon Laks bis heute wenig bekannt. Erst in den letzten Jahren hört man zunehmend von ihm. So wurde im Sommer 2014 bei den Bregenzer Festspielen seine einzige Oper "L’Hirondelle inattendue" (Die unerwartete Schwalbe) zum ersten Mal szenisch aufgeführt. Zu Lebzeiten erhielt Laks hervorragende Kritiken für seine Werke.
Simon Laks, polnisch-jüdischer Abstammung, lebte seit 1926 bis zu seinem Tod 1983 in Paris. Er kam 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, zunächst als Mitglied, dann als Leiter des Männerorchesters. Seine Erinnerungen erschienen 1948 und dann 1979 in überarbeiteter Fassung. Sie sind, etwa wie die Aufzeichnungen von Anita Lasker-Wallfisch, der Cellistin aus dem Frauenorchester in Auschwitz, ein wichtiges Dokument über die Rolle der Musik in den Lagern der Nationalsozialisten.
"Musik in Auschwitz" von Simon Laks erschien 1998 auf Deutsch. Diese Ausgabe ist seit vielen Jahren vergriffen. Nun ist bei Boosey & Hawkes eine durchgesehene und erweiterte Neuausgabe herausgekommen - Elisabeth Richter hat sie gelesen.

"Die Geige, die ich halte, ist mein Schutzschild geworden", sagt Simon Laks an einer anderen Stelle in seinem Buch über "Musik in Auschwitz".

Simon Laks konnte sich seine Würde bewahren. Er hatte schlicht Glück, Musiker zu sein, Geiger und Komponist, und er traf auf wenige, menschlich gebliebene Landsleute in der – wie er es nennt – "Lageraristokratie". Die ersten Wochen in Auschwitz ist er ein sogenannter normaler Häftling, der täglich härteste Arbeit verrichten muss, doch dann schickt ihn ein Kapo zur Lagerkapelle, als er erfährt, dass Laks Musiker ist. Morgens beim Auszug und abends bei der Rückkehr der Arbeitskommandos hatte die Kapelle Märsche zu spielen, sonntags wurden Konzerte gegeben. Auch die Musiker mussten tagsüber arbeiten, jedoch weniger als andere Häftlinge. Laks wurde nach einiger Zeit Notenschreiber, und er arrangierte die Musik für die ständig wechselnde Orchesterbesetzung. Das bedeutete, dass er im Lager bleiben konnte und keine körperlich harte Arbeit verrichten musste.

Er habe sich darum bemüht, so erklärt Laks quasi entschuldigend auf den ersten seiner gut 100 Seiten, dem Leser eine Beschreibung des Grauens und der Unmenschlichkeit zu ersparen, und verweist auf die zahlreichen Berichte anderer.

Simon Laks schreibt ohne jegliches Pathos, sein Stil ist klar, lakonisch, prägnant. Mit einer feinen Ironie sucht er Distanz zum grauenvollen Geschehen. Umso erschütternder sind manche Episoden: von dem Flötisten des Orchesters, der ein Solo spielt, als seine Tochter in die Gaskammer geführt wird, und es nicht weiß; von einem nur 22-jährigen Nazi, der ein Virtuose auf dem Akkordeon ist, der die Verbrennung von tausenden Zigeunern organisiert und zur Entspannung musiziert; von der Zwiespältigkeit und Groteske des Musizierens überhaupt in dieser Extremsituation. Zu Weihnachten 1943 hat Laks mit einem kleinen Ensemble im Frauenkrankenhaus zu spielen.

Laks fragt sich, welche Funktion die Musik in Auschwitz und anderen Lagern gehabt habe, wem sie genützt habe. Sie habe, stellt er nüchtern fest, den Geist, oder besser den Körper aufrecht gehalten, aber nur bei den Musikern.

Laks’ Buch liegt eine Portrait-CD mit seinen Kompositionen bei. Und es wird ergänzt durch ein Nachwort seines Sohnes, des Philosophen André Laks, sowie durch einen Essay des Musikwissenschaftlers Frank Harders-Wuthenow über das künstlerische Wirken von Simon Laks als Komponist und Publizist. "Musik in Auschwitz" von Simon Laks ist mehr als ein biographischer Bericht über die Rolle der Musik in den Konzentrationslagern. Laks zitiert auch aus Veröffentlichungen anderer Überlebender und kontrastiert unterschiedliche Erfahrungen. So befragt er in einem philosophischen Diskurs das Verhalten von Menschen in Extremsituationen. Sein Buch ist somit über den Kontext der Musik hinaus besonders wertvoll.

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