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Es ist ein offenes Geheimnis: Der Druck und die Erwartungen an den Körper und an die Optik von Opernsänger*innen sind heutzutage immens groß. Ein prominenter Fall ist zum Beispiel die Sopranistin Deborah Voigt, die nicht besetzt wurde, weil sie nicht in das „little black dress“ passte. Daraufhin hat sie sich den Magen verkleinern lassen. 

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Das Phänomen Bodyshaming – also negative Kritik am Körper – ist im Opernbetrieb offensichtlich ein aktuelles Thema. Von diskriminierenden Kommentaren zum Körper berichten immer mehr Sänger*innen – z.B. auf dem YouTube-Kanal „What’s Opera Doc“

Bodyshaming findet aber nicht nur erst im professionellen Sänger*innen-Betrieb statt, sondern schon davor – nämlich an den Musikhochschulen.

Es kam sehr viel aus dem Professoren-Umfeld und bei einem Wettbewerb wurde gesagt "die perfekte Stimme im falschen Körper". Ich finde, dieser Satz sagt so viel darüber aus, was in der Kulturszene falsch läuft. 

Erstmal zehn Kilo fürs Studium abnehmen

Bodyshaming. Damit hat die Sopranistin Sarah Funk seit ihrer Jugend Erfahrung gemacht. Für die Aufnahmeprüfung sollte sie 10 Kilo abnehmen – erst dann hätte sie überhaupt eine Chance auf einen Platz an der Musikhochschule. 

Es ist ganz deutlich: Entweder du siehst so und so aus oder du kannst überhaupt keine Sängerin sein. 

Im Studium ging die Kritik an ihrem Körper weiter. Oft subtil, manchmal auch ganz offen. Nicht nur ihr Selbstbewusstsein litt darunter, sondern zunehmend auch ihre Stimme. Erst nach dem Studium hat sie den Mut gefunden, offen über Bodyshaming zu sprechen. 

Zu dünn, zu unweiblich

Inzwischen postet Funk ihre Erfahrungen in den sozialen Netzwerken – gemeinsam mit Ulrike Malotta. Die Mezzosopranistin hat ebenfalls Erfahrungen mit Bodyshaming gemacht. Zu dünn, zu unweiblich: So lautete das Urteil zu ihrem Körper. Malotta ist sich sicher: Bodyshaming gehört zum Sänger*innen-Alltag dazu. 

Entweder du bist zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein … Du bist einfach nie richtig, das ist das Bild, das hier vermittelt wird. 

Dabei spielen Stereotype und Vorurteile eine große Rolle. Sarah Funk zum Beispiel, die über dem sogenannten „Idealgewicht“ liegt, wurde als faul, undiszipliniert und unbeweglich abgestempelt. Oder sie spielte die mütterlichen Opernrollen – auch wenn die nicht immer zu ihrer Stimme passten. 

Für Hosenrollen die Brust verkleinern lassen

Sopranistinnen mit kurzen Haaren stoßen bei dem einen oder der anderen auf Kritik. Auch der Modestil kann provozieren. Hosen zum Beispiel sorgen bei manchen Lehrkräften für Unverständnis. 

Und apropos Hosen: Wer als Mezzosopranistin eine Hosenrolle singt, kann mit weiblichen Kurven schon mal ein Problem haben. So hat es Sewana Salmasi in ihrem Studium erlebt:  

Da wurde mir von einem Regisseur gesagt: Vielleicht solltest du daran denken, deine Brust zu verkleinern. Sonst hast du keine Chance in der Hosenrollen-Branche. 

Der öffentliche Diskurs fehlt

Berichte von Sewana Salmasi, Sarah Funk und Ulrike Malotta sind keine Einzelfälle. Ein öffentlicher Diskurs über Bodyshaming an Musikhochschulen findet allerdings nicht statt. Dabei sind diskriminierende Kommentare zum Körper oft eng verbunden mit Sexismus. Auch hier scheinen Frauen häufiger betroffen zu sein, als Männer. 

Bodyshaming richtet sich übrigens nicht nur gegen die Körperform, sondern auch gegen die Hautfarbe. Und so wie beim Sexismus und Rassismus lässt sich Bodyshaming nur schwer beweisen.

Der Gesangsprofessor Thilo Dahlmann von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt sieht genau darin ein Problem. Zumal Studierende abhängig sind von der Gunst und der Meinung der Lehrkräfte

Das ist immer so eine Graustufe, das finde ich das Perfide daran.

Bodyshaming als Ausrede für fehlenden Erfolg?

Wer sich offen gegen Bodyshaming wehrt, muss auch mit Kritik rechnen. Der langjährige Opernkritiker und Autor Jürgen Kesting zum Beispiel vermutet hinter den Berichten über Bodyhaming mangelnde stimmliche Kompetenz.

Möglicherweise sei dies nur eine Ausrede für den fehlenden Erfolg, so Kesting. Außerdem glaube er nicht daran, dass der Druck auf den Körper psychische Folgen habe – oder für manche Sänger*innen sogar dazu führt, ihren Beruf nicht mehr auszuüben.  

Wenn jemand durch solch eine Bemerkung zerstört wird, hat er auf der Bühne gar nichts zu suchen! Dann hat er nicht das Selbstbewusstsein und das Ego und die Energie, sich in diesem Ehrgeizberuf durchzusetzen.

Ein neues Bewusstsein schaffen

Thilo Dahlmann hingegen ist überzeugt, dass sich auch Gesangsstudierende nicht alles gefallen lassen dürfen. Die Verantwortung dafür liege aber auch bei den Dozierenden, findet Dahlmann. 

Wie schaffen wir ein Bewusstsein, dass es nicht in Ordnung ist, einem Studierenden zu sagen: Du bringst nicht die physischen Voraussetzungen mit, die man für den Opernberuf braucht. Warum sollte das so sein? Wer super singen kann, eine tolle Bühnenpersönlichkeit ist … Es kommt auf dich als Persönlichkeit an. 

Auf Persönlichkeit und Stimme kommt es an

Wer unter Bodyshaming in der Ausbildung leidet, richtet sich am besten an Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsbeauftragte der Musikhochschule. 

Auch mentale Coachings können dabei helfen, sich unabhängig zu machen von Kommentaren, die geprägt sind von veralteten Rollenbildern oder vermeintlichen Schönheitsidealen. Eine offene Kommunikation über Bodyshaming sei dabei ein erster wichtiger Schritt, findet Ulrike Malotta. 

Also meine ganz tiefe Überzeugung ist, dass, wenn man dafür ein kollektives Bewusstsein schafft, sich viel verändern wird. 

Vielleicht ja auch auf der Opernbühne. Hier liegt die Verantwortung letztlich auch bei den Intendant*innen und Regisseur*innen, den Blick wieder auf das Wesentliche zu richten: nämlich auf die Persönlichkeit und auf die Stimme. 

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