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Bei mit dem Coronavirus infizierten Bläser*innen wurde beim Musizieren zunächst ein erhöhter Virenausstoß befürchtet und ein großer Abstand der Bläser empfohlen. Bei den Bamberger Symphonikern und Wiener Philharmonikern wurde das tatsächliche Risiko bei ihren Bläser*innen mittlerweile wissenschaftlich untersucht und die Bundeswehr-Uni sieht bei der Querflöte das größte Risiko.

Flötist Karl-Heinz Schütz der Wiener Philharmoniker (Foto: Wiener Philharmoniker / Mischa Nawrata)
Der Flötist der Wiener Philharmoniker Karl-Heinz Schütz im Versuchslabor: Während des Spiels wurde ihm kontinuierlich mittels Sonden Nebel durch die Nase verabreicht, um die Verteilung der ausgeatmeten Luft zu visualisieren. Wiener Philharmoniker / Mischa Nawrata

Tests bei den Wiener Philharmoniken bestätigen andere Untersuchungen, die von keinem erhöhten Corona-Infektionsrisiko bei Orchestermusikern ausgehen. Die Untersuchungen mit zwei Geiger*innen und sieben Bläser*innen ergaben, dass sich die Atemluft beim Spielen nur maximal in 50 cm Nähe um Mund und Nase verteilen. Einzig bei der Querflöte war die Verbreitung der Atemluft mit bis zu 75 Zentimetern am weitesten, wie die Wiener Philharmoniker am 18. Mai mitteilten.

Wiener Philharmoniker im Aerosolverbreitungstest

Aus den Blasinstrument-Öffnungen selbst entwich "kein oder nur kaum sichtbares Aerosol". Ähnliche Ergebnisse hatten bereits andere Untersuchungen zu den Strömungsbewegungen bei Bläser*innen ergeben. Das Ergebnis der Wiener Tests unter ärztlicher Leitung: "Eine Ausdehnung der Ausatemluft eines Künstlers von mehr als ~80 cm ist daher nicht zu erwarten!"

Bamberger Symphoniker (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Bamberger Symphoniker)
Auch bei den Bamberger Symphonikern die Fragen: Wo ist der künstlich erzeugte Nebel? Wie verteilen sich beim Klarinettespielen virenübertragende feine Tröpfchen? Bamberger Symphoniker

Ebenfalls mit der Messung von Luftströmen hatten die Bamberger Symphoniker Anfang Mai untersucht, wie gefährlich Musizieren in der Corona-Krise ist. Nach ersten Erkenntnissen verteilen sich beim Spielen von Blasinstrumenten oder beim Singen kaum feine Tröpfchen, die Viren übertragen könnten. "Wir vermuten, dass das Spielen eines Blasinstruments kaum Aerosole freisetzt, da bei der Tonerzeugung ja lediglich die Luftsäule im Instrument zum Schwingen angeregt wird", erklärte Intendant Marcus Axt. Nur sehr wenig Luft dürfte aus dem Instrument in die Umgebung abgegeben werden.

Bläser*innen erzeugen kaum Luftbewegungen

Bei dem Versuch erforschten ein Erlanger Ingenieursbüro und das Freiburger Institut für Musikermedizin mit künstlich erzeugtem Nebel, ob, wo und wie schnell beim Musizieren Luftbewegungen entstehen. Oft sei gar keine Bewegung messbar gewesen, teilte das Orchester mit. Bei keinem der 13 beteiligten Musiker habe sich die Luft mehr als einen Meter ausgebreitet. Nach weiteren Untersuchungen im Labor hoffen die Bamberger Symphoniker bald wieder auftreten zu können.

Empfehlung der Berliner Charité: Blechbläser hinter Plexiglas

Auch in Berlin denken die Orchester an eine Wiederaufnahme des Spielbetriebes. Dazu haben Wissenschaftler der Berliner Charité bereits Bedingungen definiert. Vier Forscher analysierten dafür die Auswirkungen der verschiedenen Instrumente und geben unterschiedliche Abstände vor: Während bei den Streichern die Stühle 1,5 Meter voneinander entfernt stehen sollen, werden für die Bläser zwei Meter empfohlen. Zudem sollen Blechbläser mit einem Plexiglasschutz abgeschirmt werden.

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"Der Reinigungsversuch von Kondenswasser aus Klappen durch heftiges Pusten während der Spielpausen sollte vermieden werden."

Aus den spezifischen Empfehlungen der Charité für die "Musikergruppe mit Blasinstrumenten mit Aerosolproduktion und Tröpfchenbildung"

Das am Donnerstag, 7. Mai, veröffentlichte 13 Seiten umfassende Papier "Stellungnahme zum Spielbetrieb der Orchester während der COVID-19 Pandemie" entstand auf Initiative der Orchestervorstände der sieben Berliner Orchester: Philharmoniker, Deutsches Symphonie-Orchester, Konzerthausorchester, Orchester der Deutschen Oper und der Komischen Oper, Rundfunk-Sinfonieorchester sowie Staatskapelle.

Bundeswehr-Uni: Querflöte am gefährlichsten

Das Corona-Infektionsrisiko von Blasinstrumenten war auch Forschungsgegenstand der Münchner Bundeswehr-Universität und dessen Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik. Bei Blechblasinstrumenten ist demnach die Luft nur bis zu einem halben Meter vor den Schalltrichtern durch das Spielen beeinflusst. Die größte Reichweite ermittelten sie bei der Querflöte, wie die Uni am 7. Mai mitteilte. Um deren ballistischen Speichelausstoß und die Strömungsbewegungen wirkungsvoll zu begrenzen, empfehlen die Wissenschaftler den Einsatz eines dicht gewebten Tuches vor der Öffnung des Instruments.

Die Empfehlungen der Berufsgenossenschaft

Auch die für die Theater- und Konzertbühnen zuständige Berufsgenossenschaft hatte sich Gedanken gemacht und bereits am 27. April Abstandsregeln für Orchestermusiker*innen bekanntgegeben. Darin enthalten ist noch ein 12m-Abstand für Bläser*innen in Richtung des Schalltrichters und drei Meter Abstand in alle anderen Richtungen. Das Orchester des Theaters für Niedersachsen hat daraufhin mit dem vorgeschriebenen Mindestabstand das Allegretto aus der 7. Sinfonie von Ludwig van Beethoven gespielt. Entstanden ist dabei das Video "Auf Abstand mit Beethoven – ein Orchester in Corona-Zeiten".

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