Kommentar

Hannah Schmidt über den Blackfacing-Skandal bei Anna Netrebko - Eine Frage des Willens

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AUTOR/IN
Hannah Schmidt

Und wieder diskutiert die Klassik-Welt über Blackfacing – ein weiteres Mal war es die Sopranistin Anna Netrebko, die sich das Gesicht in rassistischer Tradition braun anmalte, ein weiteres Mal in Verona. Hannah Schmidt findet, jetzt ist langsam mal genug.

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Ein lang diskutiertes Thema

Liebe Anna Netrebko, liebe Arena di Verona, liebes Publikum,
mir reicht’s. Wie oft haben wir dieses Thema jetzt schon diskutiert? Wie viele von Rassismus betroffene Expert*innen haben protestiert und in der Vergangenheit unbezahlte Bildungsarbeit geleistet?

Blackfacing ist rassistisch!

Wie viele von ihnen haben mit schier endloser Geduld und bemerkenswertem Langmut ahnungslos spielende weiße Menschen wieder und wieder – und wieder! – darauf hingewiesen, dass es rassistisch ist, wenn sie sich auf der Opernbühne die Gesichter schwarz oder braun anmalen? Diese Menschen – oft sind es Schwarze Frauen – setzen sich dabei jedes Mal aufs Neue einer gewalttätigen Öffentlichkeit aus, die sie angreift, verletzt und bedroht, weil außer ihnen am Ende kaum jemand an die Front geht.

Selbes Problem wie vor fünf Jahren

Schon 2017 haben Schwarze Expert*innen wie die Musikwissenschaftlerin und Opernforscherin Imani Mosley Anna Netrebko für ihr Blackfacing in der Rolle von Giuseppe Verdis „Aida“ in Verona kritisiert, und schon damals schrieb Mosley: „Oh gosh, jetzt müssen wir wieder da durch, es ist immer dasselbe.“ Das ist jetzt fünf Jahre her. Und heute? Ihr, liebe Arena di Verona und alle Beteiligten, Ihr macht einfach genauso weiter wie zuvor.

Institutioneller Rassismus hat Folgen für diskriminierte Künstler*innen

Die Schwarze Sängerin Angel Blue sieht sich durch euren erneuten Rassismus deshalb dazu gezwungen, ihr Debüt bei euch abzusagen, auf das sie sich nach eigenen Angaben sehr gefreut hatte. Wieder führt institutioneller Rassismus dazu, dass sich diskriminierte Künstler*innen in ihrem Arbeitsumfeld nicht sicher fühlen. Und Anna Netrebko und das Ensemble um sie herum singen währenddessen fröhlich weiter und verdienen sich eine goldene Nase. Findet ihr das gut?

„Etwas zu verändern ist sehr schwer für uns“

Das Ganze zeigt, dass nicht nur Sie, Anna Netrebko, offensichtlich nichts dazu gelernt haben, sondern, was vielleicht noch viel erschreckender ist, auch Verona nicht – eine durchaus nicht unwichtige Institution der Opernwelt. Auf die Kritik, die euch diese und vergangene Woche zurecht entgegengeschlagen ist, habt ihr in erschütternd ignoranter Weise geantwortet: Die Arena di Verona sei ein „theatrales Museum“, und deshalb würdet ihr die Inszenierung des konservativ katholischen Regisseurs Franco Zeffirelli so originalgetreu wie nur möglich spielen. „Etwas zu verändern ist sehr schwer für uns“, hat eure Sprecherin in einem Interview gesagt.

Eine Frage des Willens

Ist das euer Ernst? Es tut mir leid, aber diese Aussage ist schlicht und ergreifend falsch. Es stimmt nicht, dass euer Team nicht in der Lage ist, etwas zu ändern – denn das seid ihr. Fakt ist: Ihr wollt nicht. Und das ist der eigentliche Skandal. Eine Anna Netrebko kann keine Aida of Colour sein – auch wenn sie das gern behauptet –; sie ist immer weiß, ob in Blackface oder nicht. Ihr haltet wissentlich an dieser rassistischen Inszenierung fest und reproduziert sie wieder und wieder – angeblich der lieben Tradition wegen.

Andere Häuser ändern auch ihre Programme

Lasst es mich abschließend so direkt sagen: Wenn diese Tradition nicht ohne Rassismus und Diskriminierung auskommt, dann ist sie Müll. Sie bedeutet Ignoranz, Unsichtbarmachung und Unterdrückung von Menschen, die Rassismus erfahren. Immer mehr Häuser checken das und ändern ihre Programme. Dass ihr so tut, als gehe euch das alles nichts an, ist Selbstbetrug: Ihr habt kein Problem – ihr seid das Problem.

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