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Im Sommer bestimmte die „Black Lives Matter“-Bewegung kurze Zeit die Medien – und auch die deutschen Theater. Und nun? Alles nur eine kurze Geste der bequemen Solidarität? Der Dirigent Kevin John Edusei kommentiert, was nun wirklich nötig ist und wie unser Konzertleben diverser und damit auch relevanter für größere Teile der Gesellschaft werden könnte.

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Black Lives Matter - eine willkommene Ablenkung in der Pandemie

Black Lives Matter? War da was? Ja, doch, stimmt, bevor Corona in einem ansonsten erschreckend öden und Beethoven-losen Sommer 2020 wieder die Schlagzeilen dominierte, war das eine fast willkommene Ablenkung vor der zweiten Pandemie-Welle.

Black Lives Matter und sein etwas diffuser Schrei nach Diversität. Na klar, dafür muss man sich engagieren! Black Lives Matter? Da waren sich auch alle deutschen Kulturinstitutionen einig: Hier lohnt Bekenntnis, weil man es sich direkt auf die aus den Foyers hängenden Fahnen schreiben kann.

Mehr Partizipation und mehr gesellschaftliche Relevanz

Doch so einfach ist es nicht, denn: Sind wir mal ehrlich! Dass Klassische Musik elitär ist, wissen wir nicht erst seit gestern. Dass unsere Orchester und Opernhäuser kein Abbild unserer deutlich diverseren Gesellschaft sind, wissen wir auch. Dass unser Publikum vorwiegend aus weißen Hörer*innen besteht, weiß jeder, der jemals die Schwelle eines Konzertsaals betreten hat.

Richten wir unseren Fokus also auf das, was uns der Diskurs um größere Vielfalt bringen kann: mehr Partizipation und mehr gesellschaftliche Relevanz. Mit anderen Worten: volle Konzertsäle und Prime Time.

#BlackLivesMatter in Großbritannien "Last Night of the Proms" auch künftig mit gesungenem Patriotismus

Nach heftiger Kritik hatte sich die BBC entschieden, auch dieses Jahr "Rule Britannia!" und "Land of Hope and Glory" beim wichtigsten Konzertereignis des Jahres singen zu lassen. Und dies soll nun auch beibehalten werden.  mehr...

Die Interpret*innen haben einen wichtigen Einfluss auf das Repertoire

Was also bleibt zu tun? Kürzlich bat mich der Intendant eines Orchesters um einen Vorschlag für ein Konzertprogramm. Der Solist hätte die Violinkonzerte von Tschaikowsky, Sibelius und Lalo im Repertoire. Echt jetzt? Die Musik dreier alter weißer Männer? Nicht ein einziges Konzert außerhalb des altbekannten Kanons? Wie mutlos!

Wir Interpret*innen haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Repertoire. Ich verlange von uns, dass wir uns für ein Mehr an Vielfalt einsetzen, wo es nur geht. Nur so können wir unsere Traditionen zukunftssicher machen. Wir müssen die Entscheider*innen der Branche auffordern, ihre ästhetischen und strategischen Präferenzen auf den Prüfstand zu stellen!

Das Modell einer weißen Monokultur ist zum Aussterben verdammt

Die Klassische Musikszene hat sich zu einem in sich geschlossenen, selbst-referentiellen System entwickelt. Dieses Modell einer überwiegend weißen Monokultur ist zum Aussterben verdammt. Denn für ein lebendiges Musikleben muss die Balance zwischen Innovation und Tradition - und zwar in genau dieser Reihenfolge - gewahrt werden.

Frei nach der Publizistin und Klassik-Begeisterten Carolin Emcke: „Toleranz ist immer das Tolerieren von etwas, das man ablehnt. Toleranz bedeutet implizit immer Regulierung eines Unbehagens.“

Ein Konzert muss immer ein Wagnis sein. Nur so bleibt es unverzichtbar!

Verehrtes Publikum: Regulieren auch Sie Ihr Unbehagen, sich mit musikalisch Unbekanntem auseinanderzusetzen! Bringen Sie einfach mehr Neugierde mit, wenn Sie ins Konzert gehen.

Wenn wir ein paar dieser Eisen jetzt ins Feuer legen, blicken wir vielleicht in fünf Jahren auf ein gesamtgesellschaftlich relevanteres Konzertleben und werden nebenbei auch sagen können: „Black Lives Matter? Ja, klar! Läuft!“

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Der in Kairo geborene Perkussionist und Dirigent Adel Shalaby hat in Ägypten und Deutschland studiert und lehrt heute an der Musikhochschule München. Was verbindet die ägyptische und europäische Musikkultur, was macht den Unterschied aus? Darauf gibt er Antwort im SWR2 Musikgespräch mit Ulla Zierau.  mehr...

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