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Wie politisch kann und soll ein*e Komponist*in heute sein? Dem Komponisten Gordon Kampe wird häufig vorgeworfen, sich musikalisch nicht politisch zu äußern. Auf einer Skala vom politisch zurückhaltenden Debussy bis hin zum emphatischen Visionär, Beethoven, sieht sich Kampe eher als "Team-Claude"-Anhänger. Warum er sich mit seiner Kunst nicht an jeder Debatte beteiligt und wann er den Stachel ausfährt, kommentiert er in seiner neuesten Glosse.

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Wenn Sie zufällig gerade eine Partitur von Claude Debussys Orchesterstück „Jeux" zur Hand haben sollten, bitte schlagen Sie doch einmal bei Ziffer 26 nach und werfen einen Blick auf die folgenden sechs Takte.

Und? Sehen Sie das auch? Genau. Obwohl die Passage nur ein paar Sekunden lang ist, verwendet Debussy 18 verschiedene „Piano“-Anweisungen. Pianissimo, più piano, poco piano, pianissimo leggiero und so weiter! Ich wünschte, wir könnten Debussys Differenzierungsfähigkeit auf die Gegenwart übertragen und in jedwedem politischen Diskurs anwenden.

„Fäuste fliegen gerade schon genug"

Klar, manchmal muss auch Beethoven ran. Sein vermutlich „politischstes“ Werk, die Eroica, rammt ohne Vorbereitung Es-Dur-Akkorde in die Luft und zeigt der Welt kühn die Faust. Doch Fäuste fliegen gerade schon genug, momentan bin ich eher Team Claude.

Dass Musik immer auch etwas „Politisches“ mit sich bringt und so auch Einfluss auf ganze Staatsgefüge haben kann, das beschrieb schon Aristoteles – der um 330 vor Christus voraussah, dass David Hasselhoff einst den Kalten Krieg im Alleingang beenden würde. Wenn ich das richtig verstanden habe.

„Ich mag nicht über jedes tagesaktuelle Fashion-Diskurs-Stöckchen springen"

Musik und Politik: ein Dauerbrenner. In meiner Bubble, der Zeitgenössischen Musik, gelegentlich fast ein „must“. Und das hat mich in der Vergangenheit gelegentlich etwas irritiert. Ich mag nicht über jedes tagesaktuelle Fashion-Diskurs-Stöckchen springen, das mir der Motto- und Programmtextzwang mancher Festivals hinhält, um dann triumphierend Zeitgenossenschaft und Relevanz vorzutäuschen. Mit betroffenem Blick das Elend der Welt zu ästhetisieren, um damit Folgeaufträge zu generieren, das ist nicht so mein Stil.

Was Musik außer Politik auch noch kann

Für mich kann Musik viel mehr als das: Musik kann genauer hinschauen und genauer hinhören. Ich schrieb eine Kinderoper über zwei Jungs, die sich im Altenheim einen Opa aussuchen, ich schrieb Stücke für, mit und über ältere Menschen, schrieb Stücke über Erinnern und Vergessen, schrieb Liebeslieder, Trump-Satiren, interessiere mich eher für die Zweitplatzierten und Verschwundenen, als hektisch hinter Trends hinterherzurennen. Und manchmal, man glaubt es kaum, schreibe ich eine Melodie, die sein darf, wie sie sein will.

Team Claude

Also: Meine „Politik“ ist das Ausschöpfen von Freiheit, auch wenn ich nicht jede Partitur als „politisch“ labeln mag. So bekommt man manchmal eins auf die Rübe. Neulich fehlte, so wurde es geschrieben, mal wieder der politische „Stachel“. Aber, was wäre das für ein komischer und vorauseilender Gehorsamsstachel, der zielsicher dorthin und dann pikst, wo und wann es von einem verlangt wird?

18 verschiedene Piano-Farben auf 10 Sekunden - hören Sie mal hin!

Ja sapperlot, dachte ich da bei mir, nun hör’ mir doch einfach mal zu! Aber, wer nur hören kann, was er hören will – dem ist schwer beizukommen. Ich will nicht schreien müssen.

Ich habe die vorsichtige, zarte Hoffnung – und die gebe ich gerade jetzt nicht auf! – dass das Team Claude sich wieder vergrößern wird. 18 verschiedene Piano-Farben auf 10 Sekunden. Das wäre doch mal etwas für eine Talkshow am Sonntag. Also. Hören Sie mal hin.

Kommentar Staunkunde - warum wir Musikunterricht brauchen

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