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„Instrument des Jahres 2020“ ist die Geige. In der Klassik ist sie für Musiker*innen vor allem ein „Arbeitsgerät“, für andere Kunstgegenstand oder Handelsware. Im Gespräch mit Geigern, Händlern und einem der erfolgreichsten Geigenbauer unserer Zeit hat Hans Ackermann in Berlin und London Eindrücke und Stimmen zum Jahr der Violine 2020 gesammelt.

Geigenbauer Peter Greiner und Dominik Wilk in der Londoner Werkstatt, die Geigenhändler bei „J & A Beare“   (Foto: Hans Ackermann)
In den Livingston Studios im Londoner Bezirk Hampstead ist in den letzten Jahren eine Art „Geigenbau-Zentrum“ entstanden. Drei verschiedene Werkstätten arbeiten in einem Kutscherhaus aus dem 18. Jahrhundert auf mehreren hundert Quadratmetern zusammen. Eine davon gehört Peter Greiner. Hans Ackermann Bild in Detailansicht öffnen
Der in Stuttgart geborene Geigenbauer knüpft mit seinen Instrumenten an die alte Cremoneser Tradition an, gibt dem modernen Instrumentenbau aber zugleich mit eigenen Konzepten neue Impulse, die Musiker wie Christian Tetzlaff mit Greiners Geigen dann in ihr Spiel umsetzen. Hans Ackermann Bild in Detailansicht öffnen
Peter Greiner hat sich unter anderem lange mit dem Lack der italienischen Geigen befasst und ein Buch mit dem Titel „Stradivari Varnish“ geschrieben. Darin erweisen sich die meisten Mythen um den einzigartigen Lack allerdings als falsch. Der Stradivari-Lack sei denkbar einfach, so Greiner. Lediglich die Optik wurde bisher von keinem erreicht. "Was ja auch schön ist, dass man nicht immer alles messen und reproduzieren kann, dass irgendein Geheimnis dann doch noch im Verborgenen bleibt.“ Hans Ackermann Bild in Detailansicht öffnen
„Ich habe im Grunde aus Deutschland, von Bonn nach London meinen Geigenbau mitgenommen, eigentlich unverändert. Die Geigen, die ich in Bonn angefangen habe, habe ich in London fertig gebaut. Natürlich hat sich über die Jahre eine Veränderung in meinen Geigenbau gezeigt. London als Stadt und die sehr lebendige Geigenszene ist durchaus an bestimmten Stellen meiner Arbeit eingeflossen.“ (Peter Greiner) Hans Ackermann Bild in Detailansicht öffnen
Für ein Streichquartett-Projekt arbeitet Greiner mit seinem Geigenbauer-Kollegen aus der dritten Werkstatt in den Londoner Livingston Studios, Dominik Wilk zusammen. Die beiden Geigenbauer aus Deutschland scheinen die englischen Tee-Gepflogenheiten übernommen zu haben: Auf jedem Tisch steht eine Teekanne. Hans Ackermann Bild in Detailansicht öffnen
Dominik Wilk stammt aus dem oberbayrischen Chiemgau und hat sein Handwerk in der Geigenbaufachschule in Mittenwald gelernt, später dann die Meisterprüfung abgelegt. Hans Ackermann Bild in Detailansicht öffnen
Mit dem Einrichten des Cellos hat Dominik Wilk den ganzen Vormittag über zu tun. Er feilt am Sattel, wo die Höhe der Saiten auf fünf Hundertstel Millimeter genau eingestellt werden muss. Hans Ackermann Bild in Detailansicht öffnen
Peter Greiner hat eine der beiden Quartett-Geigen auf den Schoß gelegt. Mit der Ziehklinge, einem scharfkantigen Stück Metall, schabt er von der Fichtendecke feinste Späne ab. Das Resultat seiner Arbeit überprüft er als vorzüglicher Geiger selbst, spielt bei der Klangeinrichtung immer wieder die tiefe G-Saite an. Hans Ackermann Bild in Detailansicht öffnen
Die vier Instrumente, die Greiner und Wilk gemeinsam für den nächsten Tag spielfertig machen, sind aus dem Holz ein- und desselben Baumes hergestellt. Damit ist ein gemeinsamer Grundklang der vier Streicher des Quartetts gewährleistet. Dennoch sollten die einzelnen Instrumente später durchaus individuell klingen, meint Peter Greiner. Hans Ackermann Bild in Detailansicht öffnen
Es ist ein besonderer Tag in Peter Greiners Werkstatt: Das neue Instrumenten-Quartett soll vorgeführt werden. Peter Greiner hat die Instrumente für den Mäzen Richard Harrison gefertigt, der mit seiner Stiftung jungen Musiker*innen hochwertige Instrumente zur Verfügung stellt. Der Mäzen wird ein Konzert im kleinen Saal der Werkstatt erleben - wobei der Auftraggeber die Instrumente im sogenannten „weißen Zustand“ also unlackiert hören möchte. Hans Ackermann Bild in Detailansicht öffnen
Die Musiker*innen des jungen Londoner „Carsaig Quartets“ sitzen im kleinen Konzertsaal der Werkstatt und stimmen die noch unlackierten „weißen“ Instrumente. Der Auftraggeber, Richard Harrison wartet schon gespannt auf den Beginn des Konzerts, wobei der 85 Jahre alte Mäzen, wie er sagt, keinerlei Erwartungen an den Klang der neuen Instrumente hat. Er freut sich und lässt sich überraschen. Hans Ackermann Bild in Detailansicht öffnen
Das Carsaig Quartet wird von Richard Harrisons Stiftung gefördert, die auch eine der größten privaten Sammlungen von Streichinstrumenten in Großbritannien besitzt. Als „rau und kraftvoll“, beschreibt Finlay Spence, der Cellist des Quartetts den Klang der unlackierten Instrumente. Er habe beim Spielen eine „Reise durch den Entstehungsprozess“ der Instrumente erlebt. Hans Ackermann Bild in Detailansicht öffnen
London ist eine europäische Instrumenten-Hauptstadt, in der auch der Handel mit Geigen, einmalig gute Bedingungen hat. Denn dort haben gleich mehrere prominente Geigenhändler ihren Standort. Hinter der massiven Eingangstür mit dem Messingschild und der schlichten Aufschrift „J & A Beare“ befindet sich der größte Händler. Hans Ackermann Bild in Detailansicht öffnen
Das Geschäft in der Londoner Innenstadt gehörte früher den Brüdern John und Arthur Beare, seit knapp zehn Jahren heißen die Eigentümer Steven Smith(links) und Simon Morris (rechts im Bild). Unter den renommierten Londoner „Geigenhändlern“ rangiert „J & A Beare“ auf Platz 1. Im Jahr 2012 wurde mit der Vieuxtemps-Guarneri die bis dahin teuerste Geige aller Zeiten verkauft. Hans Ackermann Bild in Detailansicht öffnen
Ein ganz besonderer Schatz bei Beare: das originale „Purchase Book“ der früheren Geigenhandelsfirma der Brüder Hill. Das dicke Buch im edlen grünen Ledereinband ist ein handgeschriebenes Unikat, sagt Smith und blättert den kostbaren Katalog dabei nur vorsichtig um. Ein Geschichtsbuch des Geigenhandels, in das mit akkuraten Zahlen fein säuberlich jeder Ankauf einer Geige dokumentiert ist. So wurde etwa im Januar 1928 eine Stradivari für 3500 Pfund angekauft. Heute müsste man jeder Zahl in etwa drei Nullen hinzufügen. Hans Ackermann Bild in Detailansicht öffnen

Mozart Eine Geige mit zwei Bodyguards: Christoph Koncz spielt auf Mozarts Violine

Gut 300 Kilometer fährt der Wiener Philharmoniker Christoph Koncz regelmäßig nach Salzburg, um dort in der Stiftung Mozarteum auf Mozarts originaler Konzertgeige zu üben. Als vorläufigen Höhepunkt dieser besonderen „Beziehung“ hat der Geiger mit dem Instrument gerade Mozarts fünf Violinkonzerte aufgenommen. Diese CD erscheint unter dem Titel „Mozarts Violine“.  mehr...

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

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