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Seit Jahrhunderten quälen sich Musiker mit teils irrwitzig schnellen Tempovorschriften Beethovens. Hat das Genie vielleicht sein Metronom falsch abgelesen? Das legt eine neue Studie nahe, die im Fachmagazin „Plos One“ veröffentlicht wurde.

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Viel ist gerätselt, geschrieben, gestritten worden über Beethovens Metronomzahlen, die die Schläge pro Minute angeben und damit das Tempo, in dem er seine Sinfonien gespielt wissen wollte. Utopie seien seine Angaben gewesen, hieß es oft – ohnehin sei er taub gewesen. Oder sein Metronom habe falsch angezeigt, zu langsam – auch das sind Erklärversuche.

Spanische Studie mit mathematischem Modell

Für eine spanische Studie wurde nun ein mathematisches Modell entwickelt, das mittels Fotos und Patent dem Metronom Beethovens nahe kommen soll. Außerdem analysierten die Forscher die Tempi in 36 Gesamtaufnahmen der Sinfonien Beethovens, geleitet von 36 verschiedenen Dirigenten. Das Ergebnis:

„Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass Dirigenten dazu neigen, langsamer zu spielen als von Beethoven angegeben. Selbst die, deren Ziel es ist, seinen Vorgaben punktgenau zu folgen.“

Iñaki Ucar, einer der Studienautoren

Metronom unter statt über dem Gewicht am Zeiger abgelesen?

Die Abweichung sei nicht zufällig, sondern die Dirigenten gäben das Tempo konsequent langsamer als vorgeschrieben vor. Eine Erklärung könne sein, dass der Komponist sein Metronom falsch abgelesen habe, nämlich unter dem Gewicht am Zeiger des Metronoms statt darüber, wie Almudena Martin-Castro, eine der Studienautoren, erklärt.

Denn: Die durchschnittliche Abweichung zwischen vorgegebenem Tempo und gewählten Tempo entspricht nach Angaben der Forscher der Größe des Gewichts am Zeiger des Metronoms – soll heißen: dem Unterschied, ob oberhalb des Gewichts abgelesen wurde oder darunter.

Hinweis auf Beethovens Unsicherheit

Auch wiesen sie auf eine Anmerkung des Komponisten auf der ersten Seite des Manuskripts der Neunten hin; dort schrieb Beethoven: „108 oder 120 Mälzel“. Dies deute darauf hin, dass der Komponist unsicher war, wie er das Metronom ablesen sollte. Denn die Gewichte der frühen Metronome seien dreieckig geformt gewesen, und die Spitze wies nach unten. Dies könne dazu geführt haben, dass der Komponist irrtümlich unterhalb des Gewichts abgelesen habe. In diesem Fall wären Beethovens Angaben 12 Schläge schneller als von ihm geplant.

Viele erwarteten, über das Tempo Beethoven näher kommen zu können – nur seien die Angaben Beethovens in sich nicht konsistent. Was dann wieder mit seiner Unsicherheit im Umgang mit dem Gerät zu tun haben könnte, schlussfolgerten die spanischen Forscher.

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