Murray Perahia spielt Beethoven Pulsierend rasches Tempo

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CD-Tipp vom 9.3.2018

Der Pianist Friedrich Gulda hat einmal den idealen Zustand des Künstlers beschrieben: Er sei dann erreicht, wenn der Körper noch und der Geist schon funktioniert. Murray Perahia ist 70 Jahre alt, aber – wie schon viele Vertreter seiner Zunft – gehört er mit 70 beileibe noch nicht zu den alten Herren. Der gebürtige Amerikaner hat zwei bedeutende Lehrer gehabt: zum einen den introvertierten Mieczyslaw Horszowski, zum anderen Vladimir Horowitz, der ihm einen klugen Rat gab: „Wenn du mehr als ein Virtuose sein willst, dann werde erst einmal ein Virtuose.“ Diesen Nachweis führte Perahia vor Jahren mit einer fulminanten Aufnahme der Etüden von Chopin, und er führt ihn wieder mit seiner neuen Beethoven-CD.

Mit ruhigem Gleichmaß

2017 ist Perahia nach langen Jahren bei Sony zur Deutschen Grammophon Gesellschaft gewechselt. Nach den Französischen Suiten von Bach legt er nun eine CD mit zwei Sonaten von Beethoven vor: der Sonate in cis-Moll, der sogenannten „Mondscheinsonate“, und der Sonate in B-Dur, als „Hammerklaviersonate“ bekannt. Das berühmte Adagio sostenuto der cis-Moll-Sonate spielt Perahia mit ruhigem Gleichmaß der Triolen und arbeitet dabei die Dreistimmigkeit markant heraus, das Allegretto als empfindsames Charakterstück, das Presto agitato als wilden Beschleunigungssturm.

Gestaltung und Durchdringung eines sperrigen Werks

Im Mittelpunkt des Interesses steht aber wohl die weithin bedeutendste Sonate der Musikgeschichte: die in B-Dur. Beethoven selber hat seinem Verleger Artaria gesagt: „Da haben Sie eine Sonate, die den Pianisten zu schaffen machen wird, die man in 50 Jahren spielen wird.“ Mit „zu schaffen machen“ sind nicht in erster Linie die pianistischen Anforderungen gemeint, sondern die Gestaltung und Durchdringung eines sperrigen Werks mit seinem stürmischen Kopfsatz, einem kurzen und verwirrenden Scherzo, einem gewaltigen fis-Moll-Adagio sostenuto und einem vielgliedrigen, fugierten Legato, dessen Spannung sich, wie Joachim Kaiser in seiner Interpretations-Studie über die Beethoven-Sonaten ausgeführt hat, in einem gewitter-wilden Fortissimo-Triller entlädt.

Liedhaftes Cantabile

Über die Wahl der Tempi – Beethoven verlangt extrem rasche, womöglich unerreichbar rasche – gab und gibt es endlose Diskussionen. Sie schlagen sich in extrem unterschiedlichen Spielzeiten nieder: zwischen knapp 9 und über 13 Minuten etwa für den ersten Satz. Perahia wählt für das Allegro ein pulsierend rasches Tempo. Er wolle, so sagte er in einem Interview, zwar die Energie des Allegro, aber ohne Hektik und ohne die Sforzato-Akzentuierungen, die der Sonate den Charakter des Monumentalen geben. Der dritte Satz, das in fis-Moll stehende Adagio sostenuto, wirke, so schrieb Theodor Adorno, „wie aus dem Abgrund herausgeholt“. Perahia meidet in dem Appassionato e con molto sentimento einsetzenden Satz alle Verlangsamungen und Verbreiterungen – spielt ihn mit ruhigem Fluss und liedhaftem Cantabile und stellt seine Virtuosität und Darstellungskraft erneut überzeugend unter Beweis.

CD-Tipp vom 9.3.2018 aus der Sendung „SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs“

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