Zweiter Mozart-Roman Roman

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Buchkritik vom 29.11.2017

Wien im Dezember 2006. Während der Rest der Wiener auf Geschenkejagd geht, Tannenbäume kauft und Plätzchen verziert, sitzt Wolfgang Amadeus Mozart in seinem Zimmerchen in der Nähe des Stephansdoms und ... Moment: Mozart im Jahr 2006? – Doch. Wirklich. Schon in ihrem Debütroman „Herr Mozart wacht auf“ hat Schriftstellerin Eva Baronsky einen höchst verwirrten Wolfgang Amadeus Mozart ins 21. Jahrhundert geschickt. Und der wirbelt das moderne Wien nach einer kurzen Karenzzeit gehörig durcheinander. Der zweite Band „Herr Mozart feiert Weihnachten“ ist zwar erst acht Jahre später erschienen, spielt aber direkt im Anschluss. Mittlerweile hat sich Herr Mozart einigermaßen an die Moderne gewöhnt, sitzt an Heiligabend aber ein bisschen verloren in einer kleinen Wohnung und muss sich mit einem Problem herumschlagen, das er aus seinem ersten Leben zur Genüge kennt:

Also stellt sich Mozart mit seiner Geige auf den Stephansplatz, in der Hoffnung, ein paar Groschen zu verdienen. Aber die einzige, die zuhört, ist die siebenjährige Karoline. Die hat sich aufgemacht, um den Weihnachtsmann zu suchen – und ist überzeugt, ihn nun gefunden zu haben. Karoline nimmt ihren Weihnachts-Mozart mit nach Hause. Und plötzlich sieht sich der Komponist mit den Tücken einer modernen Patchwork-Familie konfrontiert:

Genau wie „Herr Mozart wacht auf“ ist „Herr Mozart feiert Weihnachten“ ein modernes Märchen für Erwachsene – und zwar ein höchstgradig verspieltes. Als Karoline und Mozart sich begegnen, feuert Eva Baronsky zum Beispiel ein virtuoses Verwechslungsspielchen voller Doppeldeutigkeiten ab, das schwer an die Libretti von Mozarts Da Ponte-Opern erinnert. Während Karoline nämlich glaubt, den Weihnachtsmann vor sich zu haben, glaubt er, sie hätte tatsächlich das Geheimnis seiner Identität gelüftet:

Eva Baronsky erzählt fast die gesamte kleine Novelle aus Mozarts Perspektive. Um dessen Ton zu treffen, hat sie offenbar eine Menge seiner Briefe gelesen und seine Sprache behutsam modernisiert. Wie schon bei „Herr Mozart wacht auf“ ist das Ergebnis ausgesprochen charmant.

Enormen Tiefgang darf man von „Herr Mozart feiert Weihnachten“ zugegebenermaßen nicht erwarten. Die Musik überwindet am Ende der Geschichte wie zu erwarten die meisten Differenzen, und diese Idee ist ein bisschen naiv und auch nicht ganz neu. Genauso wenig wie jene, dass sich die meisten Probleme lösen lassen, wenn man nur drüber spricht. Macht aber nichts. Erstens kann die Weihnachtszeit einen Hauch Naivität gut vertragen, und zweitens garniert Eva Baronsky ihre freundlich-fluffige Weihnachtsbotschaft mit einer dezenten Portion Sarkasmus. Auch liebevolle Details wie der Mozartsche Sprach-Stil oder der ein oder andere Wink zu musikalischen Werken machen einfach Spaß. Die zwei Stunden, die man für „Herr Mozart feiert Weihnachten“ ungefähr braucht, sind ruck, zuck verstrichen – und gut investierte Zeit. Denn Weihnachtsstimmung wabert danach ganz sicher durch den Raum.

Buchkritik vom 29.11.2017 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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