Album-Tipp

Bachs Wohltemperiertes Klavier mit Andreas Staier

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AUTOR/IN
Braun, Thilo

Andreas Staier, Experte für historische Aufführungspraxis, hat die 24 Präludien und Fugen des ersten Teils des „Wohltemperierten Claviers“ konsequenterweise auf seinem Cembalo eingespielt. Staier ist bekannt für seine ebenso fundierten wie mutigen Interpretationsansätze. SWR2-Kritiker Thilo Braun ist beeindruckt von Staiers „so empfindsamem wie technisch brillantem Spiel“.

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Besonderheit Lauten-Register

Andreas Staier überrascht schon mit den ersten Tönen. Während das erste Präludium in anderen Interpretationen golden-majestätisch funkelt, klingt es bei Staier geradezu verträumt.

Wie ein Barde unter dem Fenster seiner Geliebten zupft Andreas Staier die Saiten an. Er benutzt dazu ein spezielles Lauten-Register. Das passt wunderbar zur Komposition Bachs, denn viel harmloser könnten diese Akkordbrechungen in C-Dur ja kaum sein.

Präludium mit Gewalt und vielfältiger Klangfarben

Waghalsige Experimente kommen später: mehrstimmige Fugen, labyrinthische Polyphonie und harmonische Abenteuer gibt es im Wohltemperierten Clavier jede Menge. Doch am Anfang machen Bach und Staier es uns wohltuend leicht.

Wer sich gerade entspannt zurückgelehnt hat, schreckt spätestens beim c-Moll-Präludium wieder vom Sessel hoch – denn es poltert geradezu gewalttätig herein.

Staier wählt den denkbar größten Kontrast zur Lauten-Seligkeit und zeigt die Kraft seines Instruments: Er spielt auf dem Nachbau eines Cembalos von Hieronymus Albrecht Hass aus dem Jahr 1734. Mit zwei Manualen und 16-Fuß-Register war das zur Bachzeit eines der größten und mächtigsten Instrumente. Dem Erbauer ging es aber nicht allein um laute Töne – sondern darum, dem Spieler so viele Klangfarben wie möglich anzubieten – und Andreas Staier weiß diese Vielfalt wunderbar zu nutzen.

Mathematik wird zu Kunst

Wie eine alte metallene Spieluhr schnarrt das E-Dur Präludium in Staiers Interpretation. Immer wieder verblüfft es, was für unterschiedliche Klänge Staier aus dem Cembalo zaubert. Einerseits durch die Wahl der Registerzüge und Manuale, andererseits durch seine abwechslungsreiche Artikulation. Er verharrt genüsslich in dissonanten Spannungen, wechselt im Akkordspiel zwischen eleganten Arpeggien und kantigen Brocken, garniert seine Melodien geschmackvoll mit Verzierungen.

Herrlich, wie sich rechte und linke Hand gegenseitig die Melodien zuspielen. Staier verwandelt das mathematische Konzept auf dem Papier in eine sehnsüchtige singende Fantasie. Trotz Ruhe tritt die Musik dabei niemals auf der Stelle, sondern spinnt sich natürlich und elegant, ja wie von selbst, vorwärts.

Ein Musiker der versteht

Vermutlich hat Bach seine Sammlung als Übungsstückchen für den Unterricht komponiert. Wenn Andreas Staier sie spielt, als einer der besten Cembalisten unserer Zeit, lässt sich sogar beim Zuhören eine Menge lernen: Er versteht die Codes der barocken Affektenlehre nicht nur, sondern er weiß auch, wie er diesem Gerüst Leben einhauchen kann: durch sein so empfindsames wie technisch brillantes Spiel.

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