STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

Ich streame, also bin ich. Das haben alle Opernhäuser von Berlin bis Wien mittlerweile im Ansatz verstanden. Axel Brüggemann fragt sich aber, warum so viele Opern- und Konzerthäuser nach einem Jahr Pandemie immer noch in der virtuellen Bronzezeit sind. Und schüttet ein Füllhorn an Ideen aus.

Audio herunterladen (6 MB | MP3)

Der Beamer wartet: Klassik im Wohnzimmer

Eine meiner großen Corona-Investitionen (neben einem Rennrad für die Bewegung) war ein Beamer — um mir wenigstens ein bisschen Klassik ins Wohnzimmer zu holen.

Schon klar: Nichts ersetzt das dunkle Konzert- oder Opernhaus, diesen Geruch, wenn sich der Vorhang hebt, das Bonbon-Papier, das pünktlich zur Ouvertüre irgendwo hinter mir raschelt oder die nette, ältere Dame mit dem Hustenreiz in Reihe 23. Diese kollektive Hör-Gemeinschaft, die das Gleiche am gleichen Ort zur gleichen Zeit wahrnimmt!

In der 41. Ausgabe des ECLAT Festivals sind digital 13 Konzerten zu erleben. Diese umfassen 35 Werke, davon 24 Uraufführungen. (Foto: Imago, IMAGO / Panthermedia)
Sollten laut Axel Brüggemann mehr werden: technisch perfekte Streamings in Kombination mit kreativen Inhalten Imago IMAGO / Panthermedia

Ablenkungsfaktor Kühlschrank

Natürlich ist Klassik im Wohnzimmer anders – ganz anders! Allein schon der Ablenkungs-Faktor: Soll ich während der „Freischütz“-Ouvertüre doch noch schnell zum Kühlschrank? Eben schnell in der „Jenufa“ dem Amazon-Boten die Tür öffnen? Oder in Bruckners Vierter schnell im Kinderzimmer nachschauen, ob alles okay ist?

Natürlich ist auch die technische Reproduktion des Kunstwerkes Klassik mit dem Verlust von Aura konfrontiert – und muss eine andere, neue Aura schaffen.

Möglichkeiten der Technik werden nicht ausgeschöpft

Um so verwunderlicher, dass ausgerechnet unsere Klassik-Anbieter das mit der Technik irgendwie noch nicht wahrhaben wollen. Orchester und Opernhäuser streamen, was das Zeug hält – letztes Wochenende sogar parallel zur gleichen Zeit: Der szenisch und musikalisch etwas gewollte „Freischütz“ mit 1A-Sängerensemble aus München lief gegen eine ergreifende „Jenufa“ aus Berlin mit Simon Rattle und Camilla Nylund. Das ist, als wenn Polizeiruf  gegen den Tatort läuft. Aber, klar: lieber doppelt als nichts! 

Wenn da nicht auch noch die Technik wäre: die Auflösung in der 3Sat-Mediathek wäre vielleicht für mein Handy geeignet – für meinen Beamer taugte sie nichts! Und überhaupt: so viele Streams schöpfen die Möglichkeiten der neuen Technik einfach nicht aus.

Kreative Ideen? Fehlanzeige!

Es ist gut, dass Orchester und Opernhäuser weiterspielen. Dass sie in die Wohnzimmer kommen. Aber: Es ist auch erschreckend, wie einfallslos sie dabei oft agieren. Warum begegnen sie dem Lamento „Ein Stream ersetzt kein Liverlebnis“ nicht mit kreativen Ideen? Fehlanzeige, gerade in großen Häusern: Nächsten Sonntag überträgt die Staatsoper in Wien eins zu eins eine 20 Jahre alte „Carmen“-Produktion von Calixto Bieito als „Live-Ereignis“.

Wir haben seit einem Jahr Corona! Warum ist es – gerade in einer Zeit, in der Klassik nicht mehr selbstverständlich scheint – kaum einem Haus gelungen, medial darauf zu reagieren? Kürzere Titel, mehr Talk, Blicke hinter die Kulissen – eben das, was ein Opern- oder Konzertabend NICHT kann! 

Wo ist die neu komponierte Streaming-Oper?

Warum tun so viele Häuser, als sei nichts passiert und machen, was sie immer machen, nur vor Kameras statt vor Menschen? Wo ist das mutige (oder besser noch, das unterhaltsame) Auftragswerk für einen virtuellen Raum? Wo die neu komponierte Streaming-Oper? Wo die Komposition, die auf das Medium Film eingeht, auf die aktuelle Unmöglichkeit, im Auditorium zu sitzen, auf die Einsamkeit auf unseren Sofas?

Früher gab es Radio-Opern, dann Fernseh-Opern: Wo bleibt die echte Streaming-Oper? Die zeigt, was im Opernhaus vielleicht nicht möglich ist? Spielerisch, lustvoll und digital – mein Beamer steht jedenfalls bereit!

Baden-Baden

Online-Konzerte Festspielhaus Baden-Baden startet kostenloses Konzertstreaming mit Vision String Quartet, Olga Peretyatko und mehr

Wenn die Besucher*innen nicht ins Festspielhaus Baden-Baden gehen können, dann kommt das Festspielhaus zu ihnen. Nach dem Motto und unter dem Titel „Hausfestspiel“ startet das Festspielhaus Baden-Baden eine kostenlose Streaming-Reihe.  mehr...

Jederzeit abrufbar Klangvielfalt erleben: Konzertvideos von SWR Classic

Alle verfügbaren Konzertvideos der Ensembles und Festivals des SWR im Überblick.  mehr...

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG