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Die Debatte, was gute Klassik sei, welche Künstlerin, welcher Künstler ernstzunehmende Kunst vollbringe und was hingegen nur Volksbespaßung sei, ist nicht neu. Doch sie ist, nicht nur in deutschen Kulturradios, immer aktuell. Vielleicht gibt es die großen Entscheider und bestimmenden Kritiker in der Klassik einfach nicht mehr? Axel Brüggemann sagt uns, was wir tun können.

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Umfrage: Die Top-100-Klassik-Künstler

Schnallen Sie sich an und halten Sie sich fest, wenn Sie ein so genannter „Hardcore-Klassik-Fan“ sind, denn ich werde Ihre Welt jetzt ganz kurz Mal auf den Kopf stellen. Eine englischsprachige Webseite hat nämlich eine Umfrage in Auftrag gegeben: 11.000 Menschen haben mitgemacht und die Top-100-Klassik-Künstler gewählt. Okay: Sind Sie angeschnallt? – Hier kommt das Ergebnis:

Der weltweit beliebteste Klassik-Künstler heißt (Trommelwirbel!): David Garrett! Genau: der – noch Mal Achtung! – TEUFELSGEIGER. Er hat Andrea Bocelli als beliebtester Sänger und André Rieu auf die Plätze zwei und drei verwiesen. Unter den Top 100 auch Katherine Jenkins zu finden, oder Filmmusik-Legende John Williams. Unter den beliebtesten Pianisten werden Seong-Jin Cho, Yiruma, Lang Lang und – das muss ein Fehler sein – Martha Argerich geführt.

Trend zur leicht verdaulichen Ohrensahne

Was hat diese Umfrage aus England mit unserer Klassik-Kultur zu tun? Seit einigen Wochen tobt im Berliner „Tagesspiegel“ eine spannende Debatte – darüber, ob sich das Musik-Angebot der Öffentlich-Rechtlichen Sender verändern sollte oder nicht. Der Trend bei den Entscheidungsträgern ist klar: Mehr „Neue Klassik“ – also leicht verdauliche Ohrensahne von Max Richter oder Ludovico Einaudi. Andere fordern gerade deshalb mehr Nachtkonzerte mit Arnold Schönberg, Wolfgang Rihm und Alban Berg.

Auffällig ist, dass sich alte Grenzen gerade an vielen Orten auflösen: die Grenzen zwischen – ja, was eigentlich? – ernster Klassik und unterhaltsamer Klassik? Mehrwert-Klassik und Wegwerf-Klassik? Oder, um mit Walter Benjamin zu sprechen, Klassik zur Sammlung und Klassik zur Zerstreuung? 

Wer bestimmt eigentlich, was „Klassik“ ist?

Ich glaube, wir müssen an dieser Stelle die grundsätzliche Frage stellen: Wer bestimmt eigentlich, was „Klassik“ ist? Radiosender durch das, was sie spielen? Plattenfirmen durch das, was sie unter diesem Namen auf den Markt bringen? Hörerinnen und Hörer dadurch, was sie hören und wählen?

Und was ist das, wenn man sagt: Julia Fischer „hui“, David Garrett „pfui“?Jonas Kaufmann „top“ und Andrea Boccelli „flop“? Ist man dann Snob oder einer, der sich auskennt?

Haben wir überhaupt heutzutage noch Klassik-Definierer wie früher Marcel Prawy oder August Everding? Okay: auch über Justus Frantz und seine Sendung „Achtung Klassik“ haben eingefleischte Klassik-Jünger damals schon die Nase gerümpft – aber immerhin: er hat am Ende stets für das Schöne und Hehre geworben.

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Noch nicht mal auf die Deutsche Grammophon ist Verlass

Ich habe übrigens noch Mal nachgeschaut: Die Seite mit dem Ranking heißt „uDiscover Music“ – und man muss bis ins Impressum klicken, um zu sehen, wer sie betreibt: „uDiscoverMusic.com is operated by Universal Music Group“ ist dort zu lesen! Wie bitte? Eine Musik-Nachrichtenseite, die in Wahrheit eine Seite von jener Firma ist, zur der auch „Das Gelbe Label“, die ehrwürdige Deutsche Grammophon gehört?

Dass das Label, das David Garrett, Andrea Boccelli und André Rieu unter Vertrag hat, genau die zu den beliebtesten Klassik-Künstlern wählen lässt, verwundert wenig. Erstaunlich ist, dass nicht einmal mehr die Deutsche Grammophon den alten Klassik-Kanon hochhält

Auf zum Kampf für das Prädikat "Klassik"

Die Definition dessen, was Klassik ist, fällt – bei den Labels, im Radio und bei den Hörerinnen und Hörern. Und vielleicht ist das die Moral der Geschichte: Wer heute das Prädikat Klassik bekommt, wird von keiner wirklichen Autorität mehr hinterfragt. Die Klassik-Polizei ist abgeschafft!

Auch Klassik ist plötzlich dem digitalen freien Markt und der Meinungsdemokratie ausgeliefert. Um so wichtiger ist es, dass wir selber – jeder von uns – leidenschaftlich für jene Klassik kämpfen, die wir dafür halten und die wir für wichtig halten.

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