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„Meine Brüste sind mir nicht im Weg, wenn ich eine Partitur schreibe“, sagt Elina Lukijanova. Die Karlsruher Komponistin hat es satt, auf ihr Frau-sein reduziert zu werden. Sie gehört zu einer neuen Generation von Komponistinnen, die sich selbstbewusst in der so männlich dominierten Klassik-Szene behauptet.

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Frauen, die den Ton angeben

Seit 2015 studiert Lukijanova Komposition bei Wolfgang Rihm in Karlsruhe. Drei von elf Studierenden in ihrer Klasse sind Frauen. Bundesweit liegt der Schnitt höher. Heute ist ein Drittel der Studierenden im Fach Komposition weiblich, die Tendenz steigt.

Es gibt sie also, die komponierenden Frauen. Das Bild an den Hochschulen hat sich gewandelt. Dennoch: Von Gleichberechtigung ist der klassische Musikbetrieb noch weit entfernt. In die Spielpläne der Konzerthäuser und Musikfestivals schaffen es Frauen mit ihren Werken kaum.

Video: Elina Lukijanova über Komponistinnen heute

2020 gibt es zwar international bekannte weibliche Komponistinnen – Rebecca Saunders, Olga Neuwirth, Sofia Gubaidulina – doch man kann sie an einer Hand abzählen. Unter den freiberuflich tätigen Komponist*innen in Deutschland, die in die Künstlersozialkasse einzahlen, befinden sich nur acht Prozent Frauen, und sie verdienen deutlich weniger.

Zu wenig Sichtbarkeit

Warum gelingt jungen Komponistinnen der Sprung in die Selbstständigkeit so viel seltener als ihren männlichen Kollegen? Mit Talent habe das nichts zu tun, sagt Elina Lukijanova. „Es gibt nicht zu wenig Qualität. Es gibt zu wenig Sichtbarkeit.“

Das Problem sei eher: Frauen würden immer noch weniger ernst genommen als ihre männlichen Kollegen. Bei der Vergabe von Aufträgen und Preisen fallen Frauen öfter unter den Tisch. Vor allem, wenn die wichtigen Entscheidungsgremien männlich besetzt sind.

„Es ist so wahnsinnig kompetitv. Ich habe große Existenzsorgen und die hätte ich auch, wenn ich ein Mann wäre.“

Elina Lukijanova

Der hoch renommierte Siemens-Musikpreis ging in seiner 46-jährigen Geschichte erst ein einziges Mal an eine komponierende Frau – 2019 an Rebecca Saunders. Sogar in Donaueschingen, der Zukunftsfabrik der Neuen Musik, werden deutlich weniger Kompositionen von Frauen aufgeführt als von Männern.

Der Weg nach oben ist für alle hart

Doch gerade für den Nachwuchs sind Auszeichnungen und Förderungen wichtig, denn die Aufträge allein bringen meist zu wenig ein. „Es ist so wahnsinnig kompetitv“, sagt Elina Lukijanova und betont: „Das gilt für Männer wie für Frauen. Ich habe große Existenzsorgen und die hätte ich auch, wenn ich ein Mann wäre.“

Der Weg zum Erfolg ist steinig: Zahlreiche begabte Nachwuchskomponist*innen reißen sich um die wenigen begehrten Jobs. Das ist für alle hart, doch für Frauen besonders.

„Ich möchte keine Extra-Preise“

Elina Lukijanova hat sich durchgebissen. Sie ist in diesem Jahr Wolfgang-Rihm-Förderpreisträgerin, schreibt Auftragskompositionen für das Klangforum Heidelberg und gewann 2018 den Delta-Kompositionspreis.

Sie möchte in ihrem Job als Künstlerin wahr genommen werden, nicht als Frau: „Ich hoffe, dass meine Werke genug zu erzählen haben. Ich möchte keine Extra-Preise. Ich möchte für meine Qualität gesehen oder belohnt werden.“

Frauen, die den Ton angeben: Es kommt Bewegung in die einstige Männerdomäne. Menschen wie Elina Lukijanova sei Dank.

Video: Sisters bowing to each other – Elina Lukijanova

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