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Gioachino Rossini feiert Geburtstag. Von ihm können selbst Komponisten der Neuen Musik noch viel lernen. Gordon Kampe weiß, warum.

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Elegant wie ein perfektes Panna cotta

Gioachino Rossini ist einfach der Hammer! Lustig und durchgeknallt wie Haydn, wendig und schnell wie Mozart, elegant und fluffig wie ein perfektes Panna cotta.

Allerlei musikalische Finten machen ihn zu einem lächelnden Avantgardisten und mit den komischen Spätwerken, etwa einer "asthmatischen Etüde", revoltiert er bereits heiter gegen sich selbst. Vielleicht wäre er heute der Erste, der seine eigene Marmorbüste mit Flachwitzen vollschmieren würde.

Von Rossini können wir heute noch lernen

 Nun ahne ich schon einen Einwand: Was quatscht dieser Hallodri da über Rossini? Der ist doch seit knapp 2000 Jahren tot, möge er sich an seine Kernkompetenz erinnern und sich mit zeitgenössischer Musik beschäftigen!

Mitnichten, sage ich da, von Rossini können wir heute noch lernen. Über Stimmen, Stimmungen und knackige Auftritte. Musikalisch aufregend auch, wie er in seinen berüchtigten Crescendi mit spärlichem musikalischem Material Spannung über so lange Strecken aufzubauen weiß, dass Alfred Hitchcock dagegen wie ein Schlafmittel wirkt. Doch Rossini ist noch mehr, lassen Sie mich dazu kurz ausholen:

Ich habe die Angewohnheit wirklich alles zu lesen, was im Feuilleton, in Fachzeitschriften, in kruden Blogs und sonstwo über die Welt der zeitgenössischen Musik so geschrieben wird. Da kommt man ins Nachdenken: Nur wenn etwas Arbeit und Mühe macht beim Hören, wenn es einen Stachel hat, Routinen sprengt, etwas anprangert, feine Ironie durch Zynismus und zarte Ohrenarbeit durch coolen Trash ersetzt  – dann ist es Kunst! So scheint es. Denn der traurige Blick bedeutet per se Tiefe, jedwede Heiterkeit ist oberflächlich. Ist es nicht so?

Darf Kunst noch heiter sein?

 Darf Kunst in Zeiten von "Trump und Thüringen" überhaupt noch heiter sein? Ja, sage ich. Und ich gehe weiter: Bei Rossinis Kochlöffel: Sie muss es! Nicht immer, aber auch! (Wir weinen um Romeo und Julias Tod, weil wir wissen, dass sie auch ihre glücklichen Momente hatten.) Wer nicht mehr Lachen kann, weiß auch nicht, was man verteidigen muss.

Macht mal das Licht an im Keller der trostlosen Bedeutungsschwere! Heiterkeit ist oberflächlich? Von wegen! Wir sollten den alltäglichen Teufeln, wo immer sie sich zeigen, ins Gesicht lachen und rufen: Ha, du gewinnst hier nicht. So wie Rossini eben.

Wo andere es mit Überwältigung versuchten, zündelt er mit schiefen Koloraturen im Katzenduett. Wo andere über hunderte von Takten mythisch Herumraunen, macht Rossini nur La la li la la la – und der Saal steht Kopf.

Vielleicht ist Rossini gar kein Komponist, sondern eine Haltung.

Che bel vivere, che bel piacere!

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