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Was, wenn einem Komponisten plötzlich nichts Geniales mehr einfällt? Ob eine Berufsunfähigkeitsversicherung Abhilfe schafft? Das fragt sich Gordon Kampe in seiner SWR2-Musikglosse.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
10:05 Uhr
Sender
SWR2

Als Komponist der Avantgarde bin ich selbstverständlich immer der Zukunft zugewandt. Da ist es doch nur konsequent, dass ich mich neulich mit meinem Bankberater traf, um mich über mögliche Berufsunfähigkeitsversicherungen zu informieren. Was, wenn mir mal nichts Geniales mehr einfällt? Das ist meine andauernde Sorge.

Als er als Berufsbezeichnung "Komponist" eingab, benötigte der Computer gefühlte sieben Stunden um die zu erwartenden Kosten auszurechnen, die sich als astronomisch erwiesen. Warum nur soll ich monatlich so viel Geld zahlen? Nun, ich wurde in die schrecklichste und gefährlichste aller Kategorien einsortiert – dort, wo sich ansonsten nur Testpiloten und Tiefseetaucher tummeln.

Die lebensgefährlichen Tätigkeiten eines Komponisten

Was aber, bitteschön, könnte an meinem Beruf denn so gefährlich sein? Blutvergiftung durch Bleistiftstiche, Erstickungsgefahr durch Radierabrieb? Doch dann kam die Erleuchtung: es muss die gefährliche Überhitzung durch nicht zu erfüllende Erwartungen sein. Etwa von der Kritik.

Da herrscht Schnappatmungsgefahr und es geht uns wie dem Bundestrainer: kaum einer kann’s, aber alle wissen, wie’s geht. Dem einen ist man zu wild, dem anderen zu zahm. Der eine fordert gesellschaftliche Relevanz, sagt aber nicht, was er damit meint. Das eine Stück ist für den einen eine Beleidigung, für den nächsten eine Offenbarung. An derlei Vielfalt ist nichts auszusetzen und kurzer Bluthochdruck kann auch erfreulich sein und so bringt konstruktive Kritik immer Leben in die Bude.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
14:05 Uhr
Sender
SWR2

Hedonist oder Opportunist?

Wirklich gesundheitsgefährdend sind dagegen vielmehr Komponisten, die niemals Zweifel an ihrer Genialität haben. Und die mit ihrem Stil zu glänzen trachten und verschmitzt in sich hineinfreuen: Ha, was habe ich’s dem wieder gegeben. Egal, dann ist da ja auch noch das Publikum! Manches erwartet, dass die Erwartungen nicht erfüllt werden. Wenn ich die Erwartungen nicht erfülle, habe ich geliefert, was erwartet war und wieder war’s daneben.

Wenn ich mache, was ich will, bin ich Hedonist. Wenn ich mache was man erwartet, bin ich Opportunist. Aber woher soll ich wissen, was man erwartet, wenn ich keinen Bestellschein bekommen habe? Wer erwartet also wann was und warum?

„Watte mach’s, machste falsch. Also machet!“

Bis hierhin schon verwirrend genug! Aber dann gibt es da noch die Kolleginnen und Kollegen, die erwarten ohnehin ausschließlich Meisterwerke, die aber – da geht’s mir nicht anders – selbstredend nur sie selbst schreiben können. Die beste Versicherung gegen derlei verfahrenes Gejammer gibt es bei keinem Unternehmen jemals zu erwerben. Meine Oma hatte sicher recht, wenn sie sagte: „Watte mach’s, machste falsch. Also machet!“

Heißt für uns Komponisten: Mit Schwung in die Erdbeeren, ab durch die Mitte, Augen auf und durch. Die Gnadenlosesten werden mit Charme umgarnt, die Grantigsten geherzt und geknuddelt, bis es quietscht. Die Musik nämlich, um die es uns allen doch geht, die steht währenddessen stirnrunzelnd daneben, lächelt wissend und denkt sich vielleicht: „Leute, Leute... entspannt euch. Und hört doch einfach mal zu.“

Glosse Gordon Kampes Weihnachtstipp: „Es ist besser falsch zu singen, als nicht zu singen“

Klingende Glöckchen, brennende Kerzen, leuchtende Augen – was aber komplettiert die Weihnachts-Harmonie? Natürlich das Singen unterm Weihnachtsbaum. Gordon Kampe mit einer Glosse.  mehr...

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Glosse Wie man Komponist und glücklich dabei wird: Ein Brief von Gordon Kampe

Gordon Kampe hat es geschafft. Er gehört zu den häufig aufgeführten Komponisten und hat eine Professur für Komposition in Hamburg. Aber der berufliche Alltag eines Komponisten kann sehr prosaisch sein, erklärt er mit humorvollem Blick auf die Branche. Misserfolge sind an der Tagesordnung und romantische Vorstellungen von einem Leben für die Kunst völlig deplatziert.  mehr...

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SWR2 JetztMusik Donaueschinger Musiktage 2019 mit Gordon Kampe

Ensemble Resonanz
Leitung: Bas Wiegers
Gordon Kampe:
Remember Me für Streichorchester und Elektronik
Mark Andre:
rwh1 für Streichorchester und Live-Elektronik  mehr...

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SWR2 JetztMusik Rottenburg: Porträt Gordon Kampe (1/2)


Ensemble LUX:NM

Gordon Kampe
Dark Lux Suite
für Ensemble
knapp
für Bassklarinette, Saxophon, Posaune und Violoncello
Füchse/Messer
Hommage an Akira Kurosawas Film »Yume" für Saxophon, Posaune, Akkordeon, Violoncello und Klavier
(Konzert vom 16. November 2019 in der Zehntscheuer in Rottenburg am Neckar)

Im Anschluss:
Ensemble Aventure

Nicolaus A. Huber
La force du vertige
für Ensemble  mehr...

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