STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

Mit Verspätung, doch dafür wuchtig, hat die #metoo-Debatte 2019 die Klassikszene erreicht. Siegfried Mauser, Daniele Gatti, Placido Domingo: übergriffigen Männern in Machtpositionen ging es an den Kragen. Andere Herren haben sich hingegen sehr beliebt gemacht: Europa ist im Currentzis-Taumel, Kirill Petrenko fängt in Berlin gerade erst an und Igor Levits politisches Engagement mischt die Szene auf. Auch Anna Netrebko macht von sich reden. Schon längst ist die Operndiva Influencerin und weiß sich im Netz zu vermarkten. Willkommen im Jahr 2020!

Audio herunterladen (29,2 MB | MP3)

Beginnen wir mit Abschieden: So manchen liebgewonnenen Star der Klassikszene hat #Metoo in 2019 aus dem Bild radiert. Die überfällige Debatte um übergriffige Männer in Machtpositionen hat spät, aber gewaltig den klassischen Musikbetrieb erreicht.

Unappetitliche Einzelheiten

Unrühmlicher Höhepunkt: Der Prozess gegen den Rektor der Münchner Musikhochschule, Siegfried Mauser. Der ist sich keiner Schuld bewusst, muss nun aber trotzdem als verurteilter Sexualstraftäter ins Gefängnis einrücken.

Der einst feinsinniger Poet Hans Magnus Enzensberger bezeichnete Mausers Opfer, die genötigten Frauen, als „tückische Tellerminen“. Die Verteidigungsanstrengungen alter Kumpanen sind mindestens so unappetitlich wie die Einzelheiten der Vorwürfe gegen Mauerer.

Zu viele Schultern geküsst

Auch Daniele Gatti wurde von der Vergangenheit eingeholt. Seinen Posten als Chefdirigent des Concertgebouw Orchesters ist er los.

Placido Domingo, der in nimmermüder Eroberungswut gar zu viele Schultern geküsst hat, ist nun zumindest in den USA fortan weg vom Fenster.

Rolando Villazón als Mozart-Botschafter

Dafür ist bereits ein anderer berühmter Tenor nachgerückt. Rolando Villazón macht nun auf Bariton, weil die Spitzentöne zunehmend in die Ferne rücken.

Villazón radebrecht sich als Papageno durch die neueste „Zauberflöten“-CD-Einspielung der Deutschen Grammophon und überzeugt musikalisch nicht wirklich. Immerhin aber hat er in diesem Jahr das brandneue Gimmick der Stiftung Mozarteum Salzburg vorstellen dürfen – eine Mozart-Playmobil-Figur!

Europa im Currentzis-Taumel

In Salzburg haben Regisseur Peter Sellars und der Dirigent Teodor Currentzis ungefähr ein Drittel der Arien in Mozarts „Idomeneo“ weggestrichen, weil sie sie langweilig fanden. Aber selbst das verzeiht man dem genialen Griechen.

Der Currentzis-Taumel hat im vergangenen Jahr ganz Europa erfasst: ausverkaufte Säle, Ovationen, jubelnde Kritiker, alle wollen ihn, den Herrlichsten von allen.

Gut, dass das Festspielhaus Baden-Baden jüngst mit dem Luxus-Prospekt für die dort stattfindenden Currentzis-Festspiele auch eine Phiole des von ihm kreierten Parfums verschickt hat. Das kann man ihn sich, so man das nötige Kleingeld hat, auf‘s Schnuffeltuch tröpfeln.

Grosse Erwartungen: Kirill Petrenko in Berlin

Ein anderer Ausnahmedirigent hat in diesem Jahr seinen neuen Job angetreten: Kirill Petrenko. Die rasante Interpretation von Beethovens Neunter, die er als Antrittskonzert zum neuen Chef der Berliner Philharmoniker präsentiert hat, wurde live in 150 europäische Kinos übertragen. Schauen wir mal, wie die PR-begeisterten Philharmoniker mit ihrem öffentlichkeits- und medienscheuen Genie Petrenko klarkommen.

Ende des Thielemann’schen Sonnenkönigtums

Nicht Chef der Berliner Philharmoniker wurde ja bekanntlich Christian Thielemann, der hat stattdessen in Salzburg ein theatralisches Cowboy-Duell gegen Nikolaus Bachler, den künftigen Intendanten der Osterfestspiele inszeniert und verloren.

Thielemann musste geschlagen vom Kampfplatz humpeln, man munkelt vom allgemeinen Ende des Thielemann’schen Sonnenkönigtums und es geht gar das Gerücht, man wolle in Salzburg für künftige Ostern die Berliner Philharmoniker, natürlich mit Petrenko, zurückholen – die ja bis jetzt noch Baden-Baden treu sind.

Gazprom-Sponsoring sorgt für Kritik

Salzburg kann jetzt immerhin mit einem fabelhaften neuen Sponsor punkten: Die Festspiele werden ab diesem Jahr von der Gazprom mitfinanziert, einem russischen Staatskonzern, der mit undurchsichtigen Methoden fossile Brennstoffe vertreibt – wenn das nicht Hoffnung macht für Europas Kultur.

Anna Netrebko als Insta-Queen

Im August erreichte uns die Nachricht aus Bayreuth: Anna Netrebko hat für den Lohengrin abgesagt! Die gleiche Nachricht gibt es allerdings gefühlt seit Jahren jeden August.

Deutlich präsenter als in Bayreuth ist La Netrebko auf ihrem Instagram-Account, wo die sympathische Sängerin ungebremst ihrer Begeisterung für Luxus-Trash und autoritäre Regimes des russischen Sprachraums frönt: In Camouflage-Couture mit Täschchen in Handgranaten-Form posiert sie da wonnig auf irgend einer Piazza in Weißrussland und verteilt Luftküsse.

Teure Opernhaus-Sanierung in Stuttgart

Die Intendanz des schwer sanierungsbedürftigen Stuttgarter Opernhauses rückte im Herbst mit der Nachricht raus, dass die Sanierung womöglich eine Milliarde kosten könnte. Da blickt man neidvoll auf Philadelphia, wo ein edler Spender dem dortigen legendären, aber seit Jahren am Rand der Pleite lavierenden Philadelphia Orchestra mal eben 55 Millionen Dollar geschenkt hat. Wo, bitte, bleibt der Großspender für Deutschlands vielleicht schönstes Opernhaus?

Igor Levit mischt die Szene auf

Dass Igor Levit in diesem Jahr den Internationalen Beethoven-Preis bekommen hat, ist in doppelter Hinsicht gerechtfertigt – erstens, weil er Beethoven spielt wie kein anderer Pianist unserer Zeit. Zweitens, weil er sich, im Gegensatz zu vielen Kolleginnen und Kollegen, nicht darauf verlässt, dass schöne Musik die Welt schon irgendwie retten wird.

Levit wird auch der politischen Botschaft Beethovens gerecht. Er ist ein Zeitgenosse, der sich unermüdlich und „appassionato“ einmischt und engagiert, auch wenn er dafür, wie jüngst geschehen, mit dem Tod bedroht wird. Das hohe Preisgeld des Beethoven-Preises hat er übrigens an hateaid.org gespendet, die gegen Hetze im Netz kämpfen.

Abschied von Ausnahmekünstlern

Auch schmerzliche Verluste galt es im Jahr 2019 zu verkraften: Mariss Jansons, der am 1. Dezember 2019 verstarb, hat die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts in sich getragen und die Kluft zwischen Ost und West mit seinen Schostakowitsch-, Tschaikowsky- und Rachmaninow-Interpretationen geschlossen: So intensiv, persönlich und durchglüht war Jansons‘ Art, Musik zu machen.

Auch Michael Gielen ist 2019 gestorben. Ihn haben nicht alle geliebt, dafür war Gielen zu scharfzüngig und kompromisslos in seiner Verteidigung der Moderne.

Ebenso einzigartig war Peter Schreier, nach Fritz Wunderlich der deutsche Tenor schlechthin: Lyrisch, innig, aufrichtig hat er gesungen, immer grundiert vom unschuldigen Kreuzchor-Knabenton. Sie alle werden wir vermissen!

Jahresrückblick Die Höhepunkte im Kulturjahr 2019

Was waren die kulturellen Höhepunkte im Jahr 2019? Ein Jahresrückblick mit SWR2 Beiträgen zu Literatur, Theater und Musik, Film, Tanz, Hörspiel und Radiodokumentationen.  mehr...

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG