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10:05 Uhr
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SWR2

Aufnahmen von Claudio Monteverdis „Marienvesper“ gibt es viele. Jetzt hat Simon-Pierre Bestion eine äußerst eigenwillige Interpretation mit seinem Ensemble La Tempête beim Label Alpha Classics vorgelegt.

Der Atem des Orients

So hat man den Beginn von Claudio Monteverdis „Marienvesper“ selten gehört. Hier durchzieht der Atem des Orients die Einleitung. Ein Hauch der wahren Kirche des Ostens, der orthodoxen Kirche des alten Byzanz, wie sie sich in Bulgarien erhalten hat. So gestaltet Simon-Pierre Bestion mit seinem Ensemble La Tempête diesen Anfang. Für Puristen der alten Musik und der historisch informierten Aufführungspraxis ist das sicher nichts. Aber Bestion hat durchaus Gründe für diese eigenwillige Interpretation. 1610 veröffentlichte Monteverdi diese Sammlung geistlicher Musik. Ursprünglich war sie als Visitenkarte gedacht für eine päpstliche Anstellung in Rom. Doch daraus wurde nichts. Und so wechselte Monteverdi 1613 von Mantua nach Venedig. Dort war er zum Kapellmeister des Markusdoms ernannt worden. Und die „Marienvesper“ wurde in diesem mehrchörigen, byzantinisch geprägten Meisterwerk der sakralen Architektur aufgeführt. Allerdings kaum in der veröffentlichten Form und Abfolge.

Der Markusdom selbst ist byzantinisch geprägt und Venedig unterhielt rege Handelsbeziehungen in Richtung Osten. Von daher ist es durchaus wahrscheinlich, dass auch der musikalische Stil der Orthodoxie und des Orients in der Lagunenstadt Einzug gehalten hat. Bestions Interpretationsansatz ist zwar höchst spekulativ, aber sicher nicht aus der Luft gegriffen. Was ihm dabei vor allem gelingt: dieser sakralen Musik eine körperliche und sinnliche Präsenz zu verleihen. Das ist kein Festgottesdienst, sondern ein Fest der Stimmen und ihrer Körper.

Alles andere als Historienmalerei

Vieles ist in Monteverdis Partitur nicht festgelegt: Vokale Artikulation, Dynamik und selbst die Details der Instrumentation sind jeweils in der Wiedergabe zu bestimmen. Die Überlieferung, wie diese Musik zu Monteverdis Zeit geklungen haben mag, ist schwankend. Und Bestion ist mit seinem Ensemble alles andere als ein Historienmaler. Wie er im Interview des Booklets erklärt, geht es ihm um die spirituelle Gegenwart dieser meisterhaften Komposition. Da schreckt er auch nicht vor einem „Walking Bass“ zurück. Die Freude des Volkes Israel beim Einzug in Jerusalem.

Vorzügliche Realisation

Und auch die Raummusik mit ihrer Mehrchörigkeit und Echoeffekten, die Monteverdi bei seiner Aufführung im gewaltigen Markusdom im Sinn gehabt haben mag, realisiert Bestion mit seiner Aufnahme in der Pariser Kirche Notre Dame du Liban vorzüglich. Höhepunkt ist schließlich das geistige Konzert des „Magnificat“. Das alles ist keine vergeistigte Spiritualität, sondern ein ganzheitliches Erlebnis, dessen Ausdruck eigentlich das Tänzerische ist. Diese „Marienvesper“ gehört auf jeden Gabentisch.

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