Musik zum Karfreitag Arvo Pärts Johannespassion - mit Werkeinführung

Der estnische Komponist Arvo Pärt ist ein Star der internationalen neuen Musikszene. Seine Johannespassion von 1982 ist ein Werk ganz im sogenannten Tintinnabuli-Stil, übersetzt Glöckchen-Stil. So nennt Pärt selbst seine eigenwillige Art zu komponieren. Zum Karfreitag sendet SWR2 eine Aufnahme der Johannespassion von 1988 mit dem Hilliard Ensemble, die bis heute als stilprägend gilt, mit einer Werkeinführung von den SWR2-Musikexpertinnen Doris Blaich und Bettina Winkler.

Arvo Pärt:
Passio Domini nostri Jesu Christi secundum Joannem
Hilliard Ensemble
The Western Wind Chamber Choir
Christopher Bouwers-Broadbent (Orgel)
Leitung: Paul Hillier

anschließend ab ca. 22 Uhr:
Luigi Boccherini:
"Stabat mater" f-Moll G 532, Fassung für Sopran, 2 Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass
Dorothee Mields (Sopran)
Miriam Shalinsky (Kontrabass)
Salagon Quartett

In der internationalen neuen Musikszene ist er ein Star: der estnische Komponist Arvo Pärt. Seine Werke wurden in den vergangenen Jahrzehnten mit großer Begeisterung aufgenommen, doch seine Tonsprache, seine klangliche Poesie lässt sich nur schwer fassen.

Er selbst versagt sich jedwede Deutungen seiner Prinzipien: "Ich habe keine Meinung über meine Musik. Ich schreibe nur einfach Musik und kann nicht erklären, was Musik sei".

Von Zwölftonmusik zu Glöckchen-Stil

Arvo Pärt wird 1935 in Paide in Estland geboren und studiert in Tallin bei Harry Otsa, Veljo Tormis und Heino Eller. Dort experimentiert er mit Zwölftonmusik und seriellen Techniken.

1968 zieht sich Pärt aus dem Musikleben weitgehend zurück und sucht nach einer neuen Musiksprache. Ab 1976 entstehen erste Werke in dem von ihm selbst so genannten Tintinnabuli-Stil (Tintinnabuli = Glöckchen), der fortan zu seinem Markenzeichen wird.

Lebensstationen ab 1980

Da die sowjetischen Behörden seine Bewegungsfreiheit immer mehr einschränken, nutzt Pärt 1980 die Möglichkeit zur Ausreise. Er zieht mit seiner Frau erst nach Wien und später nach Berlin, 2008 kehrt er nach Estland zurück.

Zahlreiche Ehrungen begleiten den Komponisten und sein Werk. dazu gehört nicht zuletzt das Arvo Pärt Centre in Laulasmaa (Estland), das am 13. Oktober 2018 eröffnet wurde.

Einfachheit in der Musik

Arvo Pärt strebt in seiner Musik nach dem Ideal der Einfachheit, um ihre spirituelle Botschaft unverfälscht äußern zu können. "Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird."

"Dieser Ton, die Stille oder das Schweigen beruhigen mich. Ich arbeite mit wenig Material, mit einer Stimme, mit zwei Stimmen. Ich baue aus primitivem Stoff, aus einem Dreiklang, einer bestimmten Tonqualität. Die drei Klänge eines Dreiklangs wirken glockenähnlich. So habe ich es Tintinnabuli genannt."

Tintinnabuli-Stil

Bei dieser Art des Komponierens entstehen charakteristische Dissonanzen zwischen Melodie- und Tintinnabuli-Stimme, die beim Hören einen schwebenden, geheimnisvollen Eindruck hinterlassen. Arvo Pärt schreibt: "Ich könnte meine Musik mit weißem Licht vergleichen, in dem alle Farben enthalten sind. Nur ein Prisma kann diese Farben voneinander trennen und sichtbar machen; dieses Prisma könnte der Geist des Zuhörers sein."

Die starke Bindung Pärts an heilige Texte deutet der Musikwissenschaftler Hermann Conen als "ritualisierte musikalische Lesung des Wortes" oder "Konzept der Klangrede". Und das gilt auch für die Johannespassion von 1982.

Aufbau der Johannespassion

Im Zentrum von "Passio" stehen zwei Solisten: Jesus (Bariton) und Pilatus (Tenor). Dazu kommen ein Evangelisten-Quartett, ein vierstimmiger Chor und ein Instrumentalensemble mit Violine, Oboe, Cello, Fagott und Orgel. Pärt verwendet den Text der Vulgata - der lateinischen Bibel - und greift dabei die narrative Tradition der christlichen Liturgie auf.

Ganz anders als zum Beispiel Johann Sebastian Bach, der in seiner Johannespassion die dramatischen Aspekte des Geschehens betont und den Passionstext mit Chorälen und Arien ergänzt, konzentriert sich Pärt auf den Text des 18. und 19. Kapitels des Johannesevangeliums. Momente des Innehaltens entstehen vor allem durch gezielt gesetzte Pausen, denn für Pärt ist "die Stille immer vollkommener als die Musik. Mann muss nur lernen, das zu hören."

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