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Von Martina Senghas

Das Musikfestival „Heidelberger Frühling“ will große Menschheitsfragen verhandeln. Die Inszenierung der Rameau-Oper „Castor und Pollux“ wird zur Auseinandersetzung mit transhumanistischen Utopien der Unsterblichkeit. Es ist die größte Eigenproduktion des Heidelberger Frühlings seit Bestehen und schließt die Trilogie zum Aufklärungsgedanken ab. Keine gefällige Klassik, sondern ein „Multimediales Musiktheater für Ensemble, Videokunst und Sound“.

Rameau-Oper begegnet Elektrosounds und Video-Installationen

Der griechische Mythos über den sterblichen Castor und den unsterblichen Pollux – ein Brüderpaar, das gerne ewig zusammen sein möchte – hat den Komponisten Jean-Philippe Rameau im 18. Jahrhundert zu einer Oper inspiriert. Sie ist so etwas wie die Grundlage der Musikproduktion, die nun beim Heidelberger Frühling zu sehen ist.

Doch neben der Barockmusik sind noch ganz andere Töne zu hören. In der altehrwürdigen, holzvertäfelten Aula der Heidelberger Universität begegnen sich Alte Musik und Elektrosounds, Klassische Schauspielerei und Videoinstallationen, Wissenschaft und Kunst.

Auseinandersetzung mit dem Wissenschaftsglauben der Gegenwart

„Wir haben es hier mit einer Zeremonienhalle zu tun, in der Wissenschaftler ihre neuen Erkenntnisse der Welt präsentiert haben“, erklärt Lukas Rehm, der Musiker und Videokünstler im Dreierteam, das diese Inszenierung konzipiert hat. „Deshalb haben wir uns diesen Raum ausgesucht. Er spiegelt das Interesse an der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Welt wider.“

So repräsentiert der Raum eines der zentralen Themen, um das es im musikalischen Projekt geht: die Erforschung künstlicher Intelligenz und den Glauben des Transhumanismus, dass Menschen einmal unsterblich werden können, indem sie ihre Identität in eine Cloud auslagern.

Feuerwerk unterschiedlicher Reize aus Lautsprechern und Monitoren

Jim Igor Kallenberg, der Dramaturg im Künstlertrio: „Es geht uns künstlerisch und sinnlich darum, diese technologischen, wissenschaftlichen Fragen in ein Feuerwerk aus unterschiedlichen Reizen zu verpacken.“

Die Stühle sind weggeräumt. Die alte Aula wird zu einer betretbaren Rauminstallation, in der das Publikum den Barocksängern und -instrumentalisten nahe ist. In den Saal ist ein riesiges Metallgestell hineingebaut, an dem 40 Lautsprecher und mehrere Bildschirme angebracht sind.

Eine Provokation der Kunst gegen moderne Unsterblichkeitsfantasien

„Wir sind nicht der Discovery-Chanel“, meint Regisseurin Lisa Charlotte Friedrich, die Dritte im Bunde. „Alles wird auf sinnliche Weise verarbeitet. Was wir mit diesem Stück machen können – nicht anders als vermutlich alle Kunst – ist eine Provokation in die Welt setzen, die eine Konversation hervorruft.“

Audio: Lisa Charlotte Friedlich zu ihrer Inszenierung von Castor und Pollux

Wenn alles gut geht, regt diese Inszenierung nicht nur zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung über moderne Unsterblichkeitsphantasien an, sondern auch über das Konzert oder Musiktheater von morgen. Denn auch darum geht es dem Heidelberger Frühling.

„Moderner kann Barock nicht sein“ - SWR Aktuell-Video von der Premiere:

„Castor & Pollux“ beim Heidelberger Frühling in der Alten Aula der Universität Heidelberg. Die Vorführungen vom 2. bis 5. und am 7. April sind ausverkauft. Karten sind noch erhältlich für die Spätvorstellungen am 5. und 6. April.

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