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Mit zehn Jahren stand er als singender Junge zum ersten Mal auf der Bühne. Von da an war der Wunsch klar, hierher zurückzukehren, als Sänger oder Komponist. Komponist ist Aribert Reimann geworden, und über ein halbes Jahrhundert haben ihn Sänger wie Dietrich Fischer-Dieskau oder Mojca Erdmann inspiriert. „Wenn ich eine Oper schreibe, ist es für mich sehr wichtig zu wissen, wer welche Rolle singt.“ Der Komponist erzählt über sein Werk, sein musikdramaturgisches Denken und wie er Musik immer wieder neu erfindet.

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Komponist für die menschliche Stimme

Aribert Reimanns Opern wie Lear (nach Shakespeares König Lear), das Schloss (nach Kafka) oder Medea (nach Grillparzer) sind viel gespielte Klassiker der Moderne. Seine Konzerte und Kammermusik füllt Bände. Als Liedbegleiter hat er mit großen Sänger*innen wie Dietrich Fischer Dieskau oder Brigitte Fassbaender Maßstäbe gesetzt.

Er ist aber vor allem als Vokalkomponist des letzten Jahrhunderts in die Musikgeschichte eingegangen. Sänger*innen schätzen, dass er "für" und nicht "gegen" die menschliche Stimme schreibe. Der Umgang mit der Stimme sei etwas ganz Natürliches für ihn, er sei schließlich damit aufgewachsen, erzählt der Komponist im Gespräch.

„Wenn ich eine Oper schreibe, ist es für mich sehr wichtig zu wissen, wer welche Rolle singt. Das kann einem doch sehr viel Inspiration geben, weil jeder Sänger eine andere Art zu singen hat“

Aribert Reimann

Ein Leben für den Gesang

Aribert Reimann stammt aus einer Musiker-Familie. Seine Mutter war Gesangslehrerin und sein Vater Kirchenmusiker. Als Kind hörte er die Schüler*innen seiner Mutter und begann selbst im Staats- und Domchor Berlin unter der Leitung seines Vaters zu singen. Mit zehn Jahren sang er die Hauptrolle im Jasager von Kurt Weil - eine prägende Erfahrung, wie er im Gespräch mit SWR2 betont. "Ich hatte das Gefühl, ich werde auf die Bühne zurückkommen. Als Sänger Gott sei dank nicht, aber als Komponist", scherzt Reimann.

Mit 15 Jahren begann Aribert Reimann, die Schüler*innen seiner Mutter am Klavier zu begleiten, damit wurden die Weichen für seinen zweiten Beruf als Liedbegleiter gestellt. Die Tätigkeit sorgte nicht nur für sein finanzielles Auskommen am Anfang seiner Karriere. "Es war mir auch wichtig, Musik zu machen und mich mit Musik auseinanderzusetzen".

Oper und Literatur als Spiegel der Zeit

Die Musik war und ist für den 1936 geborenen Aribert Reimann auch eine Chance, Erlebnisse zu verarbeiten. Als Kriegskind verlor er seinen Bruder und erlebte mehrere Bombenangriffe - darunter einen schweren auf Potsdam im April 1945. Nicht selten enden seine Opern mit Bränden, haben etwas Apokalyptisches.

„Ich kann keine Oper komponieren, die mit unserer Zeit nichts zu tun hat. Das sind immer Gleichnisse gewesen, egal, aus welcher Zeit sie kommen.“

Aribert Reimann, Komponist

Für seine Opern sind besonders die Stoffe wichtig. Aribert Reimann wählt literarische Werke aus, die etwas über unsere Wirklichkeit zu sagen haben. Über die Literatur wählt der Komponist Ansatzpunkte, die er musikalisch ausarbeitet.

So sei ihm nach dem Fall der Mauer Kafkas Schloss sehr aktuell vorgekommen. Die Thematik der Überwachung aus dem Werk hatte auf einmal eine ganz andere Brisanz für seine im Jahr 1992 uraufgeführten Oper.

„Jedes Mal, wenn ich eine neue Oper begonnen habe, hatte ich das Gefühl, ich habe noch nie in meinem Leben eine komponiert. Man kann sich auf nichts rückwirkend verlassen.“

Aribert Reimann, Komponist

Ein Geburtstag ohne Applaus

Wegen der Corona-Pandemie findet Aribert Reimanns Geburtstag ohne Konzerte, Festakte und große Reden statt. Der Komponist feiert im kleinen Kreis und gibt sich dennoch zufrieden: „Man muss aus jeder Situation das Positive herausholen“.

SWR2 Oper Shakespeare singt (5/5) Aribert Reimann: "Lear"

Aribert Reimanns "Lear" als Abschluss der Reihe "Shakespeare singt".  mehr...

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