Brüggemanns Klassikkommentar

Alter ist keine Zier! Über sehr alte und sehr junge Dirigent*innen

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AUTOR/IN
Axel Brüggemann

Das Chicago Symphony Orchestra hat seinen Vertrag mit Chefdirigent Riccardo Muti verlängert. Muti ist 80 Jahre alt. Gleichzeitig werden blutjunge Dirigent*innen auf Führungspositionen gehoben. Das Extrem sei ein neuer Fetisch in der Klassikwelt, findet Axel Brüggemann in seinem Klassikkommentar für SWR2.

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Viele Orchester setzen auf die Sicherheit des Alten

Vor kurzem gab Muti noch ein spektakuläres Interview, in dem er dem Nachwuchs ein vernichtendes Urteil ausstellte: Furtwängler, sagte er, habe die Hände als Verlängerung des Kopfes verstanden – viele junge Dirigent*innen würden ihre Tentakel dagegen lediglich zur großen Show missbrauchen.

Riccardo Muti ist fraglos einer der Großen. Aber ist er auch noch zeitgemäß? Warum setzen derzeit so viele Orchester auf die Sicherheit des Alten statt Mut für Neues zu beweisen?

„Methusalem-Maestri“: Riccardo Muti, Daniel Barenboim, Zubin Mehta

Weitere Beispiele gefällig? Gern! Für das letzte Wiener Neujahrskonzert erkoren die Wiener Philharmoniker ebenfalls Riccardo Muti, nächstes Mal wird – Achtung – Daniel Barenboim dirigieren, auch er ist dann zarte 80 Jahre alt.

Wien

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Erstaunlich ist das Selbstbild der Methusalem-Maestri. Zubin Meta, stolze 85 Jahre alt, erklärte gerade in einem Interview: „Ich dirigiere wie ein junger Mann.“ Äh – nun ja. Was er vielleicht meint: Er (und seine Kumpel) dirigieren noch ein bisschen so, wie sie als junge Männer dirigiert haben. Die jungen Männer von heute dirigieren allerdings ganz anders! 

„Ein bisschen genial, ein bisschen chauvinistisch, ein bisschen eitel“

Damals – wir reden von den späten1980er Jahren, die Maestri waren in ihren Vierzigern – hatte die Klassik ihre letzte Goldgräberzeit: Mehta dirigierte die Drei Tenöre mit allerhand Testosteron, Muti galt als ungestümer Querdenker und wurde Chef der Mailänder Scala. Etwas später – nach der Wende – übernahm ein dynamisch anpackender Barenboim die Staatsoper in Berlin.

Sie alle stehen noch immer für polierten Schönklang, große Souveränität, aber eben auch für ein altes Dirigenten-Bild – das des unantastbaren Maestro: ein bisschen genial, ein bisschen chauvinistisch, ein bisschen eitel. 

Zeichen der Zeit stehen eigentlich auf Offenheit und Vielfalt

Debatten über Barenboims Führungsstil in Berlin oder über Mutis Schreigefechte in den Fluren der Mailänder Scala mit Riccardo Chailly – sie perlen an ihnen ab, scheinen sogar zum Bild der „alten Knochen“ zu gehören: grantig, unfair, unversöhnlich.

Viele Orchester scheinen bewusst darauf zu setzen, hängen sich die knochigen Maestri wie Zwölfender an ihre „Hall of Fame". Sie sind fasziniert von diesen strengen, autoritären Zuchtmeistern des Klanges, die, wenn sie Programmverantwortung haben, in Wahrheit eher wenig fortschrittlich erscheinen. All das scheint um so anachronistischer, da die Zeichen der Zeit doch auf Flexibilität und Offenheit, auf Diversität und Vielfalt stehen.

Die radikale Alternative: blutjunge Dirigent*innen

Die Alternative ist das radikale Gegenteil. Statt alter Herren werden blutjunge Dirigent*innen auf Führungspositionen gehoben. Jüngstes Beispiel: Der erst 24-jährige Klaus Mäkelä wird Chef beim traditionellen Concertgebouw Orchester in Amsterdam. Viel Verantwortung, und wenig Raum zum Experimentieren! 

Das Extrem ist ein neuer Fetisch: Entweder nimmt man die ganz jungen oder die ganz alten – bloß nicht langweilig wirken! Nicht, dass wir uns missverstehen: Die Alten sollen weiter machen! Doch vielleicht nicht als Chefs mit Personal- und Programm-Verantwortung. Schenken wir ihnen Freiheit!

Herbert Blomstedt macht's richtig

Wie gut das tun kann, zeigt uns der Älteste der Alten, der 94-jährige Herbert Blomstedt mit seiner kindlichen Neugier überall dort, wo er als Gast auftritt und sich den wahren Luxus des Alters nimmt: Er braucht kein Macht-Pling-Plang mehr, kann vollkommen ohne Eitelkeit alles um den wahren Kern, die Musik, kreisen lassen.

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Axel Brüggemann