Ralf Günthers neuer Roman "Als Bach nach Dresden kam" Kunstvolle Mischung aus Fiktion und Realität

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Buch-Tipp vom 10.10.2018

„Als Bach nach Dresden kam“ – lautet der Titel des Büchleins. Im Zentrum der Geschichte steht aber nicht etwa Johann Sebastian Bach. Ralf Günther rückt zunächst den Dresdner Konzertmeister und Direktor der französischen Hofmusik in den Mittelpunkt: Jean-Baptiste Volumier. Seine Stellung steht auf dem Spiel, als August der Starke den schillernden Tastenvirtuosen Louis Marchand nach Dresden holen will. Das ist echte Konkurrenz, denn schließlich sind beide musikalisch durch die französische Schule sozialisiert.

Der zurückgesetzte Volumier fasst einen Plan: Ein Wettstreit zwischen dem berühmten, französischen Virtuosen und dem noch relativ unbekannten Bach soll die Lösung sein. Die Musiker sollen sich musikalisch neutralisieren. Und Volumier dabei wie Phönix aus der Asche steigen. Volumier überredet also die beiden so unterschiedlichen Musiker zum Duell. Bevor Bach in Dresden eintrifft macht er einen Zwischenstopp im Freiberger Dom, gut 40 Kilometer von Dresden entfernt. Überliefert ist dieser Halt zwar nicht, aber in der Kirche gibt es die erste große Orgel von Gottfried Silbermann, dem mitteldeutschen Orgelbauer der Barockzeit. Das Instrument hat er drei Jahre vor dem Duell fertiggestellt. Sehr gut möglich also, dass Bach, der auch als Orgelsachverständiger arbeitete, das Instrument kennenlernen wollte.

Die kurze Episode im Freiberger Dom gehört zu den stärksten Momenten der Geschichte. Im Zuge der Recherchen durfte der Autor Ralf Günther gemeinsam mit dem Organisten Jan Katzschke ins Innere der Orgel. Dass er sich alles ganz genau erklären ließ, kann man an dieser Stelle eindrücklich erkennen. Die Beschreibungen legt er gekonnt Bach in den Mund.

Günther versteht es, den historischen Figuren Leben einzuhauchen. Niemals erscheinen sie konstruiert oder steif. Die Geschichte wirkt plastisch. Auch, weil Günther seinen Protagonisten scharfe Züge verleiht: Der Franzose Marchand ist von Überheblichkeit gekennzeichnet, die sogar in seinem Nachruf verbürgt ist. Bach wird als charakterstarker und gottesfürchtiger Mann gezeigt, voller Inbrunst für die Musik. Und für das romantische Moment sind Volumier und Friedelena zuständig - Bachs Schwägerin, die im kinderreichen Haushalt hilft. Sechs Kinder sind ja bereits zu versorgen bei den Bachs.  

Die Liebesgeschichte – frei erfunden. Aber durchaus vorstellbar, ebenso wie die Episode im Freiberger Dom. Die Grenze zwischen historischer Begebenheit und herbeifantasiertem Plot hat der Autor kunstvoll miteinander verwoben. Was Fiktion und was Realität ist erfährt man erst im Nachwort. Geschrieben hat es Jan Katzschke, der Bach-Experte, der den Autor auf die Idee zum Buch brachte und beim Erstellen der Geschichte tatkräftig unterstützt hat. Herausgekommen ist eine dichte und spannende Geschichte über den musikalischen Wettstreit zwischen Bach und Marchand. Bleibt am Ende nur die Frage: Wer gewinnt? Ralf Günther hält sich auch in diesem Punkt nicht genau an die historische Vorlage. In der Realität reiste Marchand überstützt ab - ohne Duell. Bach spielte also in Dresden außer Konkurrenz. In Günthers Roman läuft es nicht ganz so glatt. Hofmusikant Volumier muss zu einem perfiden Plan greifen. Ob der aufgeht, sei an dieser Stelle aber nicht verraten.

Buch-Tipp vom 10.10.2018 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

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