MeToo-Debatte Auch Oper in Los Angeles künftig ohne Plácido Domingo

Noch ein Abgang für Opernstar Plácido Domingo: Nach den Vorwürfen sexueller Belästigung tritt der Sänger als Chef der Oper in Los Angeles zurück. Zuvor hatte er die New Yorker Metropolitan Opera verlassen.

Nach den Belästigungsvorwürfen mehrerer Frauen gegen Plácido Domingo hat der 78-Jährige die Oper in Los Angeles verlassen. Er trete von seinem Posten als Leiter der Oper zurück und sage geplante Auftritte ab, hieß es am Mittwoch, 2. Oktober, in einer Mitteilung des Spaniers, die der Deutschen Presse-Agentur vorlag. Er tue dies mit "schwerem Herzen", aber angesichts der jüngsten Anschuldigungen gegen ihn sei dieser Schritt "im besten Interesse" für das Opernhaus.
Die Vorwürfe hätten eine Atmosphäre geschaffen, die seine Fähigkeiten, diesem Unternehmen, das er so liebe, zu dienen, beeinträchtigen würde, erklärte Domingo am Mittwoch. Er werde weiter daran arbeiten, seinen Namen wieder reinzuwaschen.

Rückzug an der New Yorker Metropolitan Oper

Erst vorige Woche hatte der Opernstar kurz vor einem geplanten Auftritt die New Yorker Metropolitan Oper verlassen. Er habe bei der Opernleitung um Entbindung von seinen Pflichten gebeten und werde nicht mehr an der Met auftreten, sagte Domingo am Dienstag, 24. September, in einer Mitteilung an die "New York Times".

"Ich weise die Anschuldigungen gegen mich entschieden zurück und mache mir Sorgen um ein Klima, in dem Menschen ohne angemessene Untersuchungen verurteilt werden, aber nach einigem Nachdenken glaube ich, dass mein Auftritt in der «Macbeth»-Inszenierung von der harten Arbeit meiner Kollegen auf und hinter der Bühne ablenken würde."

Domingo gegenüber der "New York Times" am 24. September

Ehrung von Plácido Domingo nach Belästigungsvorwürfen verschoben

Wenige Tage zuvor wurde aufgrund der zahlreichen Vorwürfe auch die Verleihung des Europäischen Kulturpreises an den Sänger verschoben. "Plácido Domingo und das Europäische Kulturforum haben gemeinsam entschieden, die Auszeichnung auf den 3. Oktober 2020 in Bonn zu verschieben", teilte Annett Reeder vom Kulturforum der österreichischen Nachrichtenagentur APA am 18. September mit. Ursprünglich zählte Domingo zu den Preisträgern 2019; der Preis sollte ihm im Oktober in der Wiener Staatsoper verliehen werden.

Placido Domingo in Salzburg (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Franz Neumayr)
Bei den Salzburger Festspielen 2019 gern gesehen: Plácido Domingo mit Fans nach seinem Auftritt in "Luisa Miller", für den er von den Fans gefeiert wurde. Franz Neumayr

Untersuchung der Belästigungsvorwürfe

Anfang September hatte die Gewerkschaft von OperndarstellerInnen in den USA angekündigt, die Belästigungsvorwürfe gegen Plácido Domingo zu untersuchen. Mittlerweile werfen 19 Frauen dem Sänger sexuelle Übergriffe vor. Die Guild of Musical Artists argumentiert, man könne nicht sicher sein, dass Opernunternehmen die Vorwürfe ausreichend selbst untersuchten. Zuletzt hatte die Oper Dallas als Reaktion auf die Vorwürfe eine Gala mit dem Opernstar gestrichen.

Weitere Belästigungsvorwürfe

Laut Meldung der Nachrichtenagentur AP vom 5. September haben elf weitere Frauen dem Opernstar Sexuelle Belästigung vorgeworfen. Eine Frau sagte, Domingo habe hinter der Bühne ihre Brüste begrapscht, andere schilderten, er habe versucht, sie zu küssen oder sie angefasst, ohne dass sie es gewollt hätten. Eine Sprecherin von Plácido Domingo bezeichnete die Vorwürfe als "durchsetzt mit Widersprüchlichkeiten".

Hamburger Elbphilharmonie beschäftigt Domingo weiterhin

Die Hamburger Elbphilharmonie hält nach den Vorwürfen gegen Opernstar Plácido Domingo (78) an dem Konzert im November zunächst fest. Für den Auftritt bestünden gültige Verträge mit dem Veranstalter des Konzertes, so die Elbphilharmonie.

"Als öffentliche Institution können wir sexuelle Übergriffe weder tolerieren noch verharmlosen, sind aber in unserem Handeln auch an rechtsstaatliche Prinzipien gebunden."

Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter auf Anfrage der dpa

Zuvor hatte die Oper von San Francisco Konsequenzen aus den Belästigungsvorwürfen mehrerer Frauen gegen Plácido Domingo gezogen. Sie strich ein geplantes Konzert mit dem Opernsänger vom Programm. Auch das Orchester in Philadelphia hat Plácido Domingo bereits von einer Veranstaltung ausgeladen. Und die Oper in Los Angeles, an der Domingo seit 2003 Generaldirektor ist, kündigte an, die Anschuldigungen gegen den Opernstar untersuchen zu lassen.

Ihren Ursprung haben die Vorwürfe in den Anschuldigungen von acht Sängerinnen und einer Tänzerin. Der Nachrichtenagentur AP sagten die Frauen Mitte August, der international bekannte Opernstar habe versucht, sie in sexuelle Beziehungen zu zwingen, indem er ihnen Jobs angeboten habe. In einigen Fällen habe er die Frauen bestraft, wenn sie seine Annäherungen verweigerten.

"...zutiefst beunruhigend und... unzutreffend"

Sieben der neun Frauen sagten der Nachrichtenagentur AP, sie glaubten, ihre Karrieren seien nachteilig beeinflusst gewesen, nachdem sie seine Annäherungsversuche abgewehrt hatten. Beinahe drei Dutzend weitere Personen aus Opernkreisen berichteten, sie hätten unangemessenes, sexuell-gefärbtes Verhalten von Domingo beobachtet. Domingo nannte die Anschuldigungen, die bis zu 30 Jahre zurückliegen, "zutiefst beunruhigend und wie dargelegt, unzutreffend".

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:40 Uhr
Sender
SWR2

"Ich habe geglaubt, dass alle meine Interaktionen und Beziehungen immer willkommen und im gegenseitigen Einverständnis waren."

Plácido Domingo, laut Nachrichtenagentur AP

Domingo gilt als einer der erfolgreichsten Opernsänger überhaupt. Er ist ebenfalls erfolgreicher Dirigent und war weit 2003 Generaldirektor der Los Angeles Opera. Der mehrfache Grammy-Gewinner wird von seinen Kollegen als überaus charmant und voller Energie beschrieben. In den 1990er-Jahren feierte er mit José Carreras und Luciano Pavarotti als „Drei Tenöre“ weltweite Erfolge und begeisterte ein neues Publikum für die Oper.

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