Opernkritik Prokofjews „Liebe zu den drei Orangen“ in Stuttgart

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Von Christian Gampert

Dass der neue Stuttgarter Opernintendant Viktor Schoner Mut hat, zeigt seine Einladung des Berliner Underground-Filmers Axel Ranisch, Sergej Prokofjews Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ zu inszenieren. Heraus kamen allerdings nur Berge von buntem Bühnenpersonal, die eine inszenatorische Ratlosigkeit kaschieren sollen, meint SWR2-Rezensent Christian Gampert. Er hat die Premiere am 2. Dezember an der Staatsoper Stuttgart besucht.

Handlung mit viel Klamauk

Prokofjew, der 1919 als Exilant in Amerika dringend Geld brauchte, hat damals nicht nur eine klangmalerisch wirkungsvolle, sondern auch eine demokratische Oper geschrieben: Am Anfang streiten die Anhänger von Tragödie, Komödie und dem lyrischen Genre darüber, was denn nun aufgeführt werden solle. Aber es obsiegen die Hohlköpfe und Sonderlinge, die "Die Liebe zu den drei Orangen" sehen wollen.

Das Commedia-orientierte Libretto basiert auf einem Stoff von Carlo Gozzi und dreht sich um einen depressiven Prinzen, der dringend zum Lachen gebracht werden muss. Allerdings ist das, anders als bei Büchners "Leonce und Lena", nicht mit staatsverachtenden Tendenzen verbunden, sondern reiner Klamauk mit vielen Wirren und Ränken

Fotos der Inszenierung in Stuttgart Prokofjews Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“

Die Liebe zu den drei Orangen (Foto: Pressestelle, Matthias Baus -)
Carole Wilson als Fata Morgana (l.), Michael Ebbecke als Zauberer Celio (r.). Pressestelle Matthias Baus - Bild in Detailansicht öffnen
Daniel Kluge als Truffaldino (l.) und Elmar Gilbertsson als Prinz (r.). Pressestelle Matthias Baus - Bild in Detailansicht öffnen
Elmar Gilbertsson als Prinz (l.) und Daniel Kluge als Truffaldino (r.). Pressestelle Matthias Baus - Bild in Detailansicht öffnen
V.l.n.r.: Johannes Kammler als Pantalone, Elmar Gilbertsson als Prinz, Daniel Kluge als Truffaldino und Goran Juric als Kreuz-König. Pressestelle Matthias Baus - Bild in Detailansicht öffnen
Szenenbild Pressestelle Matthias Baus - Bild in Detailansicht öffnen
V.l.n.r.: Daniel Kluge als Truffaldino, Matthew Anchel als Köchin und Elmar Gilbertsson als Prinz. Pressestelle Matthias Baus - Bild in Detailansicht öffnen
Daniel Kluge als Truffaldino. Pressestelle Matthias Baus - Bild in Detailansicht öffnen
Elmar Gilbertsson als Prinz (l.) und Esther Dierkes als Ninetta (r.). Pressestelle Matthias Baus - Bild in Detailansicht öffnen

Bühnenbild wie ein Computerspiel aus den 1990er Jahren

Der Regisseur Axel Ranisch hebt das Ganze auf die Ebene eines – allerdings technisch limitierten – Computerspiels aus den 1990er Jahren. Die Bühne ist voller verpixelter Bilder, und manche Figuren, vor allem die machtgeile Prinzessin Clarice und der ihr ergebene asiatische Premierminister, bewegen sich anfangs wie digitalisierte Menschenattrappen. Die Gegenwelt dazu sind der klischeehaft tollpatschige Diener Truffaldino und der melancholische Prinz, der wie eine Raupe verpuppt in einem rosa Schlafsack-Mantel vor sich hinsumpft.

Spätromantische Musik mit ironischem Gestus

Das explizit sexualisierte Stück kommt zum Punkt, als die böse Zauberin Fata Morgana auf einem Maskenball stürzt und auf dem Rücken liegend die Beine breit macht. Der Prinz kann darüber seltsamerweise lachen und wird prompt verflucht. Menschliche Urlaute wie Lachen und auch Erbrechen wiederum sind von Prokofjew höchst artifiziell komponiert und geben der ansonsten mit herben rhythmischen Brüchen arbeitenden, lautmalerisch-dissonanten, manchmal auch spätromantischen Partitur einen ironischen Gestus.

Die Liebe zu den drei Orangen (Foto: Pressestelle, Matthias Baus -)
Elmar Gilbertsson als Prinz (l.) und Daniel Kluge als Truffaldino (r.). Pressestelle Matthias Baus -

"Für die ganze Familie" eher ungeeignet

Ranisch, nach eigenen Angaben "als dickes Kind zweier Leistungssportler" in Berlin-Lichtenberg geboren, wollte die "Liebe zu den drei Orangen" zu einem großen Spaß "für die ganze Familie" machen.

Leider ist aus Prokofjews relativ einfältigem Handlungsreigen inszenatorisch nicht besonders viel zu holen: Für absurdes Theater ist es zu fad, für ein Märchen zu modern. Und die Komik hält sich sehr in Grenzen. Axel Ranischs Ansatz, ein Kind als Lenker des theatralen Computerspiels einzusetzen, ist zwar apart, wird aber alle Eltern, die täglich gegen den Spielwahn ihrer Sprösslinge kämpfen, nur mäßig begeistern.

Gespräch mit Regisseur Axel Ranisch

Dauer

Die Älteren haben ihren Spaß

Im Parkett befinden sich vor allem Menschen, die die sogenannte Erziehungsphase längst hinter sich haben. Und die amüsieren sich prächtig über die dümmlichen Verstrickungen des verliebten Prinzen, der einem schwulen Koch drei Orangen klaut, die sich als Prinzessinnen entpuppen. Zwei davon verdursten, die dritte darf erst nach diversen Verwicklungen geheiratet werden.

Teures Ausstattungstheater für die oberen Schichten

Das von Alejo Pérez dirigierte Orchester ist exzellent: Er produziert ein rhythmisch fein phrasiertes, in den Instrumentalfarben klug ausgemaltes Klanggebilde, das viele sarkastische Überraschungen bereithält. Die Krux ist, dass die Sänger über deklamatorische Exerzitien kaum hinauskommen (dürfen) und dass der Regisseur, der mit dem Joystick eines großen Opernapparats spielen darf, damit wenig anzufangen weiß. Berge von buntem Bühnenpersonal sollen hier eine schräge inszenatorische Ratlosigkeit kaschieren – das Ganze bleibt leider teures Ausstattungstheater für die oberen Schichten.

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