Premiere am Nationaltheater Mannheim Wagner-Oper "Die Meistersinger von Nürnberg"

Premiere am Nationaltheater Mannheim Wagner-Oper "Die Meistersinger von Nürnberg"

Kammersänger Thomas Jesatko: Nationaltheater Mannheim - Die Meistersinger von Nürnberg (Foto: Nationaltheater Mannheim - Hans Jörg Michel)
Von Ursula BöhmerAbgeschminkt, ohne seine graue Pagenkopfperücke und Bart, steht er plötzlich da: Hans Sachs, klangstark gesungen von Thomas Jesatko, sinnt über den „Wahn“ der vergangenen Nacht nach. Nach der nächtlichen Prügelei zwischen Nürnberger Einwohnern und dem Obernörgler Beckmesser hat die Illusion vom Stadt-Idyll einen Riss bekommen: Im Nationaltheater Mannheim werden plötzlich die Feuerwand und die Scheinwerferleiste im Bühnenhimmel sichtbar. Nationaltheater Mannheim - Hans Jörg Michel
Was ist Wahn, was Wirklichkeit? Das ist eines der Themen, die sich Regisseur Nigel Lowery aus Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ herauspickt. Lowery, der hier auch für Bühne und Kostüme verantwortlich ist, hat für den Sängerwettstreit um die Handwerkerstochter Eva eine zuckersüße Nürnberger Lebkuchenwelt auf die Bühne gestellt – mit mittelalterlichen Kostümen, gotischen Kirchenräumen, pittoresken Bürgerhäusern und Brunnen. Nationaltheater Mannheim - Hans Jörg Michel
Die Kulisse gerät allerdings buchstäblich ins Wanken, als ER auftaucht: Walther von Stolzing (links im Bild), der sich als Neuling in der Stadt bei den alten Meistern um das Vorsingen bewirbt. Mit seinem neuen Stil kommt er bei den alten Traditionalisten, die noch dazu sein kritischer Konkurrent Beckmesser anführt, allerdings zunächst nicht an. Nationaltheater Mannheim - Hans Jörg Michel
Tilmann Unger (links im Bild) ist als Walther von Stolzing der blonde Klischee-Held im persilweißen Ritterkostüm – und schon länger Evas (zweite von rechts) Schwarm. Wie ein Mann vom anderen Stern kommt er ihr offenbar vor. Denn immer wieder schwebt ein kleines Raumschiff über die Bühne und zwischendurch wird Walther, wie Superman, in den Bühnenhimmel hinaufgezogen. Alles nur Evas Einbildung? Nationaltheater Mannheim - Hans Jörg Michel
Astrid Kessler (mit Thomas Jesatko als Hans Sachs) singt die Eva in Mannheim strahlend schön: Ein niedliches Naturkind, das stets suchend im Trippelschritt über die Bühne huscht. Am Ende sagt sie sich von der puppenhaften Traditionswelt los und fliegt mit ihrem Walther-Supermann im Raumschiff davon. Was albern wirkt, aber auch Sinn macht. Nationaltheater Mannheim - Hans Jörg Michel
Denn Neue Wege gehen, Jung versus Alt - auch das sind typische Wagner-Themen, die Regisseur Nigel Lowery in Mannheim auskostet. Ebenso die Komik, die in der Oper steckt – vor allem in der Figur des Beckmesser. Als wuseliger Narziss sorgt der wunderbare Joachim Goltz als Beckmesser (vorne mit Thomas Jesatko als Hans Sachs) für Slapstick-Humor, gerät dabei auch mal mit einer ferngesteuerten kleinen Plüschtier-Katze in den Clinch: Köstlicher Klamauk. Nationaltheater Mannheim - Hans Jörg Michel
Auch für den deutschtümelnden letzten Akt findet Regisseur Nigel Lowery ein gutes Bild: Kaum stimmt Hans Sachs auf der Sänger-Festwiese seinen berühmt-berüchtigten Satz an „Ehrt eure deutschen Meister, dann bannt ihr gute Geister!“, zieht ein vielsagend unheilvolles Gewitter auf. Das bunt kostümierte Feierlaune-Volk verlässt fluchtartig die Bühne – lässt Hans Sachs dann aber doch nicht alleine im Regen stehen. Ein Schirm wird gereicht, den er schützend auch über den verschmähten Beckmesser hält. Ein schönes, versöhnliches Schlussbild einer gelungenen Mannheimer Premiere, zu der nicht zuletzt auch die farbenreich-klangstarken Orchestermusiker unter Generalmusikdirektor Alexander Soddy beitragen – Bravi.Info: Weitere Aufführungen von Richard Wagners Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" am Nationaltheater Mannheim Nationaltheater Mannheim - Hans Jörg Michel
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