Thielemann-Konflikt Kommentar: „Eine Tragödie für die Osterfestspiele“

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10:05 Uhr
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SWR2

Die Salzburger Osterfestspiele werden Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden ab 2023 nicht mehr beschäftigen. Grund dafür sind die Konflikte zwischen dem Dirigenten Thielemann und dem Geschäftsführer der Salzburger Osterfestspiele Nikolaus Bachler. Kirsten Liese mit einem Kommentar.

Kompetenz- und Machtstreit eskaliert

Die schlimmsten Befürchtungen haben sich erfüllt: In dem seit Monaten brodelnden Kompetenz- und Machtstreit zwischen dem Künstlerischen Leiter Christian Thielemann und dem auserwählten neuen Intendanten Nikolaus Bachler hat der Aufsichtsrat der Osterfestspiele Salzburg die höchst kurzsichtige, unfassbare Entscheidung getroffen, Christian Thielemann und der Sächsischen Staatskapelle 2023 den Stuhl vor die Tür zu setzen. Damit soll Bachler der Weg für seine gewünschte Neuausrichtung geebnet werden.  Mit Wagners „Lohengrin“ klingt 2022 die Ära Thielemann aus.

Salzburger Osterfestspiele werden beliebiges, austauschbares Festival

Danach will Bachler Jahr für Jahr wechselnde Spitzenorchester und Dirigenten an die Salzach holen, ein bisschen Jazz und Tanz soll es auch geben. Aber damit wird das letzte anspruchsvolle Festival unter der künstlerischen Leitung eines der besten Dirigenten unserer Zeit, das in seiner konservativeren künstlerischen Ausrichtung zudem eine gute Alternative zu den Musiktheaterproduktionen der Sommerfestspiele in Salzburg bot, zu einem beliebigen, austauschbaren Festival.

Offenbar haben die Verantwortlichen mit Landeshauptmann Wilfried Haslauer Junior von der ÖVP an der Spitze vergessen, dass die Osterfestspiele künstlerisch und wirtschaftlich 2012 schon einmal schwer angeschlagen waren. Damals konnte Sir Simon Rattle das Niveau seines Vorgängers Claudio Abbado als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker nicht halten. Mehr und mehr Stühle blieben leer, und so ließen sich Festspiele, die sich zu 90 Prozent selbst finanzieren und mit 500 Euro die weltweit höchsten Ticketpreise haben, nicht mehr fortsetzen. Kurzerhand wanderten die Berliner Philharmoniker nach Baden-Baden ab.

Thielemann war die Rettung der Osterfestspiele

Nur Christian Thielemann konnte die Osterfestspiele retten. Mit seiner Sächsischen Staatskapelle brachte er sie wieder auf Karajan-Niveau und legte damit die Grundlage dafür, dass ein Publikum zurückkam, das bereit war, die hohen Kartenpreise zu zahlen. Fortan stieg die Auslastung kontinuierlich weit über 90 Prozent an. Die Osterfestspiele sind mithin bestens aufgestellt.

Jeder, der in den vergangenen sieben Jahren eine Vorstellung  besucht hat, konnte sich davon überzeugen, wie unübertrefflich Christian Thielemann und seine Sächsische Staatskapelle im Großen Festspielhaus musizierten. Die beiden Einakter „Cavalleria Rusticana“ und „Der Bajazzo“ mit einem vor wenigen Jahren noch im Zenit seiner Kraft stehenden Jonas Kaufmann,  die „Walküre“ in den wunderbaren rekonstruierten Dekorationen von Karajans Bühnenbildner Günther Schneider-Siemssen im großen Jubiläumsjahr oder zuletzt „Die Meistersinger“ bildeten unvergessene Höhepunkte. Was will man mehr?

Umso mehr gibt es Rätsel auf, was den Aufsichtsrat gegen seinen Künstlerischen Leiter aufgebracht haben mag.

Ein Zampano hat die Verantwortung

Jedenfalls wurde Bachler keineswegs in Ermangelung eines anderen Kandidaten Intendant: Dominique Meyer, der scheidende Intendant der Wiener Staatsoper, der in einem guten Verhältnis zu Thielemann steht, hätte für das Amt als idealer Partner bereit gestanden. Mit ihm wäre eine Fortsetzung von Thielemanns erfolgreicher Arbeit  möglich gewesen.

Stattdessen übernimmt nun ein Zampano die Verantwortung für die Festspiele, der keinen Hehl daraus macht, von Musik und Stimmen keine Ahnung zu haben und zeitgeistschnittige Regieästhetiken präferiert, die an Ostern in Salzburg kaum gut ankommen werden.  

Eine Tragödie für die Osterfestspiele

Statt dem „Lohengrin“, den Bachler nun schlucken muss, wollte er lieber den „Rosenkavalier“ aufs Programm setzen. Mit dessen vorbildlicher Hauptfigur, der Marschallin, scheint der Münchner Opernintendant allerdings kaum etwas anfangen zu können. Andernfalls hätte er sich wie sie im Verzicht geübt und damit Größe gezeigt. Der polternde unsensible Baron Ochs in diesem Stück scheint ihm näher zu liegen.

Für die Osterfestspiele bedeutet das eine Tragödie. Mit seinem Allerweltskonzept droht Bachler sie an die Wand zu fahren, selbst dann, wenn eines Tages die Berliner Philharmoniker mit ihrem neuen, überschätzten Chef Kirill Petrenko an die Salzach zurückkehren sollten.

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