MeToo-Debatte Kommentar: "Anschuldigungen gegen Plácido Domingo sind unangemessen"

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10:05 Uhr
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SWR2

Neun Frauen werfen dem spanischen Opernsänger Plácido Domingo sexuelle Belästigung vor. Nach den Anschuldigungen gegen den Opernstar haben bereits US-amerikanische Opernhäuser Konzerte mit ihm abgesagt. Maria Ossowski verteidigt den Tenorsänger.

Die Geschichte eines Frauenhelden

Es war einmal, vor 30 Jahren. Ein blendend aussehender Mann, gesegnet mit einer Jahrhundertstimme, charmant, bewundert von Millionen und auch noch liebenswert, kollegial und welterfahren, singt all die großen Verführerrollen der Oper: als Cavaradossi verehrt er Tosca, als Herzog von Mantua nimmt er sich Rigolettos Tochter, als Wagners Sigmund schwängert er die Schwester.

Es sind Traumrollen, die Placido Domingo glaubwürdig verkörpert, voll prall-erotischer Szenen und Klänge. Opernintendanten und Agenten liegen dem Tenor zu Füßen, denn Placido Domingo verspricht immer ein ausverkauftes Haus. Manche Klassikfans gebärden sich wie Groupies der Rockstars und verfolgen den angebeteten Künstler.

Domingos erotische Macht wird ihm zum Verhängnis

Domingo war sich seiner Ausstrahlung sehr bewusst und hat Kolleginnen sexuelle Avancen gemacht, hier ein ungeschickt eindeutiges Angebot, dort ein unziemlicher Kuss auf den Mund. Das Spiel der Verführung, das wir in so vielen Opern genießen, es belebt auch in der Realität.

Eros hat eine ungeheure Kraft, auch eine subtile, durchaus erregende Macht, und sie wird von beiden Geschlechtern eingesetzt. Es ist genau jene Macht, die dem alten Mann jetzt zum Verhängnis zu werden droht.

Wer Plácido Domingo verurteilt, macht einen Fehler

Viele MeToo-bewegte Geister sagen da: „Warum denn nicht? Geschieht ihm recht! Elender Grabscher!“ Diese selbstgerechten Ankläger machen einen fundamentalen Fehler: Placido Domingo hat weder wie James Levine Kinder missbraucht noch junge Mädchen verführt wie Epstein, er hat Frauen nicht Gewalt angetan wie Weinstein oder Künstlerinnen erpresst.

Die Sängerin Patricia Wulf, die einzige der neun Frauen, die sich namentlich äußert, hat im Interview des National Public Radio wörtlich erklärt: Domingo habe es immer wieder bei ihr versucht, sie habe deutlich „nein“ gesagt und hätte deshalb keine beruflichen Nachteile gehabt. Sie habe dennoch in der Zauberflöte und im Don Carlo gesungen. Trotz ihrer Weigerung, mit ihm ein Verhältnis zu beginnen. Und sie ginge jetzt, nach so langer Zeit, nur deshalb an die Öffentlichkeit, um jungen Künstlern zu vermitteln: Ihr dürft ablehnen und „nein“ sagen. Es passiert Euch nichts.

Erbarmungslose Erotikpolizei

Die anderen acht Frauen bleiben anonym. Und dennoch wird eine künstlerische Vita ruiniert. Googlen Sie Plácido Domingo, das Netz beweist: Der Verdacht wird zum Urteil. Die Vermutung zum Verbrechen. Der Fall zeigt, wie erbarmungslos eine schnell urteilende, teilweise moralinsaure Erotikpolizei über einen Menschen herfällt und sein Lebenswerk zerstört. Man sitzt zu Gericht im Internet. Ohne große Verantwortung, ohne großen Aufwand. Und nicht einmal der Tod wird diese behaupteten Vergehen vergessen machen. Selbst die Nachrufe auf Domingo werden dereinst sexuelle Übergriffe erwähnen. Domingo ist moralisch kontaminiert und männlich verstrahlt.

Vor 30 Jahren war alles anders

Wer aber kann heute überprüfen, ob vor 30 Jahren, in einer völlig anderen Kultur des Miteinanders, die anklagenden Frauen vielleicht eine stabile Beziehung erhofften und Domingo nur eine kleine Affäre wollte? Wer weiß, welche dieser Frauen von besseren Karrierechancen im Haifischbecken der Sängerkonkurrenz träumten? Wissen sie es selbst nach 30 Jahren noch so ganz genau?

Ambivalenzen im Spiel der Verführung können schmerzen oder beschämen. Auch noch nach vielen Jahren. Aber reicht das zur Demontage eines großen Künstlers?

MeToo-Diskussionen in Schieflage

Unsere Diskussion um MeToo ist in eine fatale Schieflage geraten. Gegen Weinstein und andere Übeltäter ist ein Aufschrei zwingend notwendig. Und genauso sollten wir uns empören über die Hundertausend Fälle, in denen unbekannte Frauen nach wie vor beschnitten, gefoltert, geschlagen und vergewaltigt werden, in die Prostitution und die Pornoindustrie gezwungen, entrechtet und ermordet werden.

Hier machen wir einen weltbekannten Tenor verantwortlich für angebliche Verführungsversuche vor 30 Jahren. Das ist in dieser Lautstärke und Vorverurteilung völlig unangemessen. und schadet dem Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen mehr, als es nützt.

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