DVD-Tipp Zeitzeugnis des 20. Jahrhunderts: Pfitzners „Palestrina” in einer DVD-Neuauflage

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10:05 Uhr
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SWR2

Hans Pfitzners Oper „Palestrina“ wurde 1917 in München uraufgeführt und gilt als ein wichtiges musikalisches Zeitzeugnis des 20. Jahrhunderts. Die Bayerische Staatsoper hat das Werk 2009 inszeniert und eine DVD veröffentlicht, die bis heute noch immer die einzige visuelle Aufnahme auf dem Markt ist. Grund genug für Eva Hofem, sich Pfitzners Oper, die eben in einer Neuauflage auf DVD erschienen ist, nochmal anzusehen.

Die fiktive Entstehungsgeschichte der Missa Papae Marcelli

Jeder der schon mal selbst Musik von Giovanni Pierluigi de Palestrina gesungen hat, merkt schnell wie meditativ und einschneidend seine Musiksprache ist. Und so hat es Palestrina als Künstlerpersönlichkeit auch auf die Opernbühne geschafft. Zentrum von Hans Pfitzners „Musikalischer Legende“ ist die - zugegebenermaßen fiktive - Entstehungsgeschichte von Palestrinas wohl bekanntester Messe, der Missa Papae Marcelli.

Kompositionen von Geisterhand

So bekannt die Musik von Palestrina ist, so unbekannt ist allerdings die Oper über ihn. Vielleicht liegt es auch an der etwas vertrackten Handlung: Der alte Palestrina hatte nach dem Tod seiner Frau seine Schaffenskraft verloren, als in Trient das Konzil tagt, um sich unter anderem über die kirchenmusikalische Zukunft zu streiten. Nun soll Palestrina eine Messe schreiben, die alle neuen Forderung berücksichtigt. Er aber sieht sich dazu nicht in der Lage, bis ihm die Geister berühmter Komponisten erscheinen..

Retter des Kontrapunkts

Von nun an schreibt Palestrina sozusagen von Geisterhand und mit Hilfe einiger Engelsstimmen seine bekannte Messe. Dennoch wird er aufgrund seiner anfänglichen Kompositionsverweigerung verhaftet, während sich in Trient katholische Würdenträger herrlich karikaturistisch die Köpfe einschlagen. Als man die neu komponierte Messe findet, kommt Palestrina wieder frei, wird auf Lebenszeit zum päpstlichen Kapellmeister ernannt und als „Retter des Kontrapunkts“ gefeiert.

Doch: keine Künstleroper ohne Generationskonflikt. Palestrinas alte festgefahrene Kompositionsmuster treffen auf die innovativen Ideen seines jungen Schülers, die ihn dann - kaum anders zu erwarten - auch für seine Messe beeinflussen. Wem das jetzt bekannt vorkommt, der muss gar nicht weit in der Operngeschichte zurück gehen: So einiges erinnert an Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“. Für Dirigentin Simone Young ist es ein Glücksfall, diese Oper aufzuführen, erläutert sie im Bonusmaterial der DVD.

„Ich möchte mit dem Stück zeigen, dass es ein Meisterwerk ist. Ich finde, es ist ein Meisterwerk. Es ist ein etwas zur Seite gelegtes Meisterwerk des deutschen Repertoires. Und ich finde es überhaupt nicht erstaunlich, dass Dirigenten, die sich sehr für die Musik Wagners eingesetzt haben, sich auch für die Musik Pfitzners einsetzen. Weil da starke musikalische Verbindungen sind.“

Das Bonusmaterial besteht aus einem knapp 10-minütigen Video über die Entstehung der Inszenierung, mit O-Tönen von Regisseur Christan Stückl sowie von Sängerinnen und Sängern der Produktion. Das verschafft einen guten Eindruck von der Arbeit hinter den Kulissen, vor allem aber wird erklärt, was es mit der bunten und naiv-abstrakten Inszenierung auf sich hat. Besonders in den großen Ensembleszenen.

Spektakel mit großem Aufwand

Die Oper allein ist schon ein Spektakel, das mit großem Aufwand verbunden ist: Insgesamt sind 38 Solisten nötig, um solche Szenen wie hier umzusetzen. Regisseur Christian Stückl, äußerst erfahren durch die von ihm inszenierten Passionsfestspiele in Oberammergau, setzt auf knallige Farben und christliche Klischeesymbolik: Ein dicker kleiner Mönch mit riesigem Holzkreuz, schwebende Nonnen-Engel mit gigantischen Federflügeln und der päpstliche Botschafter in protziger Stretchlimousine..

Ein Hauptthema der Inszenierung ist der Alkoholkonsum des Komponisten. Palestrina greift ständig zur Schnapsflasche, um sein Elend zu ertragen. Und damit wären dann auch die bunten Farben und die verzerrte, überlebensgroße Pappfigur mit dem Antlitz seiner Frau erklärt. Palestrina-Darsteller Christopher Ventris gibt im Bonusmaterial Aufklärung:

“It’s almost a fantasy, a dream, the colors are amazing, the pinks and the greens. They are quite fluorescent. And it shows the state of hallucination perhaps. Someone through alcohol and drugs has this over-emphasized world of color.”

Christopher Ventris sieht in den Knallfarben und verschleierten Gesichtern also einen von Drogen und Alkohol zerstörten Künstlergeist. (In diesem Fall ist es ja dann mit den Engelsstimmen vielleicht doch nicht so weit hergeholt.)


Stimmlich ist diese Produktion leider nicht in jedem Fall gut besetzt, doch die wenigen Hauptfiguren sind durch die Bank weg herausragend, allen voran Christiane Karg als Palestrinas Sohn, Claudia Mahnke als dessen Schüler oder Michael Volle als päpstlicher Botschafter.

Trennung von Werk und Persönlichkeit

Wie bei fast allen Opern, die nicht zum heutigen Kernrepertoire gehören, gibt es auch bei Pfitzner eine dunkle nationalsozialistische Vergangenheit, die im begleitenden Booklet aufgearbeitet wird. Und ebenso wie die langen Rezitative in ihrer künstlichen mittelalterlichen Sprache sehr stark an Wagner erinnern, wird auch bei Pfitzners Hinterlassenschaften immer wieder eine strenge Trennung von Werk und Persönlichkeit gefordert.

Was nach dem Schauen dieser DVD bleibt, ist der starke Eindruck, dass es noch viele selten gespielte Opern zu entdecken gibt, von denen meistens keine Aufnahmen existieren. Deswegen ist diese bisher einzige DVD von Pfitzners „Palestrina“ ein wichtiges Zeugnis der Operntradition des beginnenden 20. Jahrhunderts und eine Neuerscheinung allemal wert!

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