DVD-Tipp Welterkenntnis-Reise: Maurice Béjart feiert eine „Messe für die Zukunft“

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Sendezeit
10:05 Uhr
Sender
SWR2

Im Jahr 1984 erfand der Choreograph Maurice Béjart für seine Kompanie Ballet du XXème Siècle die „Mass for the Future Time“ – eine „Zukunftsmesse“ mit traditioneller Weltmusik aus fünf Kontinenten. Für Kenner seines Werks ist die jetzt erschienene DVD eine echte Entdeckung. Und für Zuschauer, die sich bislang noch nicht mit Béjart beschäftigt haben, ein Türöffner in eine neue Welt, wie Nicole Strecker findet.

Welterkenntnis-Reise

Was für ein irrer Trip. Maurice Béjart, der große Zampano des Tanzes, der das Ballett erneuerte und es mit Wagner'schem Geniegestus in ein Gesamtkunstwerk verwandeln wollte - Béjart also schickt im Jahr 1984 seine Zuschauer auf eine Welterkenntnis-Reise. Gewissermaßen Dantes „Göttliche Komödie“ für das Ballett des 20. Jahrhunderts.

Es beginnt im christlichen Abendland. Eine Schar weißgekleideter Jünger zelebriert mit heiligem Ernst die Aufwärmpraktiken des Balletts: Gliedmaßen werden gedehnt, Körperteile mit kleinen Bewegungen mobilisiert. Die Vorbereitung des Körpers - und all das zum wuchtigen Kyrie Eleison. Der Körper ein Tempel. Das Ballett eine Messe. Der Tänzer ein göttlich erleuchtetes Medium.

Globalisierung auf der Bühne

 „Messe für eine zukünftige Zeit“ nannte Bejart sein 1984 im Cirque Royal in Brüssel uraufgeführtes Stück. Eine Choreografie, die gnadenlos all das zusammenführt, was vor Béjart absolut nicht zusammengehörte: die formale Strenge des Balletts mit entfesselten brasilianischen Sambarhythmen. Dramatische Armbewegungen wie aus der europäischen Theatertradition und dazu die harte Fußarbeit des indischen Kathak. Es gibt japanischen Kendo-Stocktanz, hawaianische Hula-Hüftschwünge und in der verrücktesten Szene: Musik wie für österreichischen Schuhplattler und dazu watscheln Tänzer in Pinguin-Kostümen über die Bühne und spielen mit einer aufblasbaren Erdkugel. Da geht der Globalisierung glatt die Puste aus.

 „Tanz ist die Kunst unseres Jahrhunderts!“

hatte Béjart einst verkündet und in seiner 1999 gehaltenen Rede anlässlich der Vergabe des Kyoto-Preises an ihn sagte er:

„Zu Tanzen bedeutet vor allem: zu kommunizieren, zu verbinden und andere in den Fundamenten ihrer Existenz zu erschüttern. Tanz bedeutet Vereinigung. Die Vereinigung des Menschen mit dem Menschen. Des Einzelnen mit dem Kosmos, des Menschen mit Gott. Zu Tanzen bedeutet, unser armes menschliches Dasein zu transzendieren und am wahren kosmischen Leben teilzuhaben.“

35-jährige Aufnahme

Seine in Brüssel ansässige Kompanie nannte der gebürtige Franzose Ballet du XXème Siècle - ein Name als ästhetisch-intellektueller Anspruch. Pop und Pathos, Mythologie und Zirkus, Freddy Mercury und Beethoven, Nietzsche und Nijinsky. Auf Béjarts Bühne trugen die Tänzer Jeans und unfassbar viel Theaterschminke, die Männer hatten wallende Löwenmähnen und durften so sexy sein wie nie zuvor im Ballett. Über 150 Choreografien hat Béjart kreiert. Seine „Messe für eine zukünftige Zeit“ hat die seit Béjarts Tod von Gil Roman geleitete Kompanie nicht in ihrem Repertoire, ein wenig bekanntes Werk also. Umso kostbarer ist nun die Vermarktung der 35 Jahre alten Aufnahme.

Jorge Donn fasziniert im grandiosen Solo als Android

Da übersieht man Unschärfen und grobkörnige Filmbilder gern, schließlich begegnet man in dem bislang unveröffentlichten Mitschnitt noch einmal den beiden berühmtesten aller Béjart-Stars: Jorge Donn, Béjarts langjährigem Lebensgefährten, der 1992 an Aids starb. Und dem heutigen Leiter der Kompanie, Gil Roman. Als 24jähriger Unschuldsknabe mit weit aufgerissenen Kulleraugen taumelt der durch den exzentrischen Multikulti-Kosmos. Im zweiten Teil des Abends wird seine Reise dann vollends zum Science Fiction mit Star-Treck-Mission: Dann schweben vier Tänzer in Reagenzgläsern aus dem Bühnenhimmel. Sie tanzen mit der seelenlosen Geometrie von künstlich animierten Maschinenmenschen: Vor allem Jorge Donn fasziniert im grandiosen Solo als Android, der wieder und wieder in die Pose von Leonardo da Vincis Vitruvianischem Menschen springt, als sehne er sich nach diesem Idealbild.

Choreografische Glanzstücke neben schwülstigem Tanzrausch

'Verrückt', denkt man immer wieder beim Zuschauen, und all das schon Ende der 80er Jahre. Maurice Béjarts Zukunfts-Messe ist ein anarchisches Ballett, das alles vereint, was Béjarts Ouevre seit jeher ausmacht: Choreografische Glanzstücke neben schwülstigem Tanzrausch. Bizarre Bildfantasien, virtuose Solisten, viel Erotik. Und irgendwie doch weniger Hochamt als Exorzismus. Ein Gewaltmarsch durch Béjarts Höllen und Ekstasen, der wie immer beim Monstre Sacre, beim heiligen Monster, wie die Franzosen Béjart nannten, in einem großen Fest der Vereinigung endet. Da muss man durch. Und wird es lieben lernen.

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