CD-Tipp Motetten von Hans Fährmann mit dem SWR Vokalensemble und Frieder Bernius

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10:05 Uhr
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SWR2

Hans Fährmann machte sich als Komponist und Orgelvirtuose einen Namen. Dass er auch eine ganze Sammlung anspruchsvoller Chorwerke geschrieben hat, war bisher nicht bekannt. Frieder Bernius und das SWR Vokalensemble haben diese vergessenen Motetten jetzt auf CD veröffentlicht. Dorothea Bossert stellt sie vor.

Was ist das für eine Chormusik?

Chromatisch gewundene Melodielinien, kühne spätromantisch erweiterte Harmonik, kühne Modulationen, Ausweichungen und Umdeutungen – vielleicht Peter Cornelius? Aber dann ist da ein Klangstrom von so großem symphonischem Atem, wie man ihn von Gustav Mahler kennt. Und diese übermäßigen und verminderten Akkorde, so üppig, so dicht? Das sind ja schon fast Cluster. Vielleicht ein deutscher Charles Ives?

"Die mit Tränen säen", eine Konzertmotette für achtstimmigen Chor. Geschrieben 1915, nach dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges, von einem Komponisten namens Hans Fährmann. 12 Minuten dauert die ganze Motette und zeigt im weiteren Verlauf auch Fugenabschnitte von hoher chromatischer Durchtriebenheit, angereichert mit so samtig schimmernden Fin de Ciècle-Klängen, dass man den Eindruck hat, Max Reger und Richard Strauss hätten sich zusammengetan.

Keine Schublade passt so recht

Tatsächlich hatten schon die Zeitgenossen Probleme, diesen Komponisten einzuordnen. Mal bezeichneten sie ihn als "Richard Strauss der Orgel", mal konstatierten sie eine Nähe zu Franz Liszt im Harmonischen und Max Reger im Kontrapunktischen. Und doch wollen alle diese Schubladen nicht recht passen, hört man zum Beispiel die Himmelfahrtsmotette mit ihrer fast schon Barbershop-haften Harmonik an.

Komponist des Umbruchs

Tatsächlich ist Hans Fährmann ein Komponist des Umbruchs, einer der zwischen den Welten steht: mit einem Bein in der Moderne, mit dem anderen in der Spätromantik. Im gleichen Jahr geboren wie Gustav Mahler, wuchs er in der reichen Musikkultur Sachsens auf: Er floh recht schnell aus dem väterlichen Lehrerberuf und studierte auf eigene Faust in Dresden Orgel, Komposition und Klavier.

Erst mit 79 Jahren emeritiert

Als reisender Orgelvirtuose hat er international Erfolge gefeiert, war Kantor in Dresden, dann königlicher Musikdirektor und Orgelprofessor am Dresdner Konservatorium. Erst 1939 wurde er emeritiert, da war er 79 Jahre alt und starb ein Jahr darauf, 1940 in Dresden. Er war zu Lebzeiten in Dresden eine Institution, hat 14 weit ausladende Orgelsonaten geschrieben und drei große Konzerte für Orgel und Orchester, Sololieder, Kammermusik – und diese Chormotetten.

Keine Aufführungsbelege der Chorwerke

Manche davon hat er vielleicht für den eigenen Bedarf komponiert, in seiner Funktion als Kantor hatte er natürlich auch einen Kirchenchor für die Gestaltung des Gottesdienstes zur Verfügung. Viele der Motetten sind aber anderen Dresdner Kantoren gewidmet. Und obwohl Fährmann die Plakate und Programmzettel der Aufführungen seiner Werke akribisch gesammelt hat, finden sich in seinem Nachlass so gut wie keine Belege für die Aufführung dieser Chorwerke.

Herausforderndes Chorwerk

Warum? Nun – sie sind gar nicht so leicht zu singen. Die komplexe Harmonik stellt die Interpreten vor so einige Herausforderungen. Und auch die Registerbehandlung der Singstimmen ist ungewöhnlich: Denn Hans Fährmann hat seine Motetten offensichtlich von der Orgel aus komponiert und verlegt die vollgriffigen, komplexen Harmonien auffällig oft in die Unterstimmen. Dementsprechend oft sind die mit vielfachen Stimmteilungen konfrontiert. Da braucht es geschulte Stimmen, und insbesondere eine üppig besetzte Alt- und Männerriege. Und es braucht einen kammermusikalischen Chorklang, der in jeder Situation kultiviert und durchhörbar bleibt.

Schlechte Zeiten für gute Chöre

Die leistungsfähigen Kantoreien und Kirchenchöre für die Hans Fährmann diese Motetten geschrieben hat, gab es nach dem ersten Weltkrieg jedenfalls nicht mehr: erst fehlten kriegsbedingt die Männerstimmen, dann kam die Wirtschaftkrise und der Nationalsozialismus… Schlechte Zeiten für gute Chöre.

Notenausgaben und Druckplatten der Bombardierung zum Opfer gefallen

Zu allem Überfluss sind dann bei der Bombardierung Dresdens mit dem Otto Junne Verlag auch die Notenausgaben und Druckplatten von Hans Fährmanns Motetten verbrannt. Nur in der deutschen Nationalbibliothek in Berlin findet sich noch ein Exemplar dieser ungewöhnlichen a cappella Werke, fein säuberlich gestochen und gedruckt.
Der Musikwissenschaftler Dieter Zeh hat sie dort vor einigen Jahren entdeckt und Frieder Bernius gezeigt. Und der hat sie jetzt mit dem SWR Vokalensemble aufgeführt, aufgenommen und auf CD veröffentlicht. Vielleicht werden sie – bei entsprechender Nachfrage, sogar vom Carus Verlag wieder aufgelegt. Wer weiß?

Zweite Chance

Jedenfalls: Diese CD ist eine zweite Chance für Hans Fährmann und seine kühnen Chormotetten. Vielleicht schaffen sie es diesmal. Publikum und gute Kammerchöre, die seine Musik schätzen könnten, gibt es heute jedenfalls genug.

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