Rückblick

100 Jahre Donaueschinger Musiktage in Splittern und Bruchstücken

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Friederike Kenneweg

Namen, Daten, Klänge: Wie ein riesiges Mosaik erscheint das eine Jahrhundert Donaueschinger Musiktage aus der Vogelperspektive. Friederike Kenneweg versucht sich an einer Zusammenschau in Splittern und Bruchstücken.

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Die Anfänge

Angefangen hat es mit der Kammermusik in Donaueschingen im Jahr 1921. Nur kurz davor war der Erste Weltkrieg zu Ende gegangen. Was nun? fragte sich Fürst Max Egon der II. zu Fürstenberg, der im kleinen Donaueschingen in Süddeutschland residierte. Da kam der Vorschlag seines Musikdirektors Heinrich Burkhard grade recht: Ein Musikfest ausrichten, um junge Komponisten zu unterstützen!

Am 31. Juli 1921 gab es das erste Konzert bei den „ Donaueschinger Kammermusikaufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst“. Musik von Alois Haba, Ernst Krenek und Alban Berg wurde gespielt.

Paul Hindemith beeindruckt mit seinem Streichquartett op. 16

Am meisten beeindruckte aber das Streichquartett op. 16 von Paul Hindemith. Misstönig sei es, heißt es in der Presse; das Streichquartett bedrohe das Trommelfell durch seine Dissonanzen. Dann aber auch: „Es steckt eine elementare Kraft in dieser Musik“ und „echte Musik, Zukunft – mehr als Verheißung.“

Von dem Erfolg beflügelt, wurde Paul Hindemith 1924 in den Arbeitsausschuss aufgenommen und bestimmte jetzt maßgeblich mit, was in Donaueschingen aufs Programm kam: Arnold Schönberg, das „Triadische Ballett“ von Oskar Schlemmer und der Pionier der elektronischen Musik Jörg Mager, der sein Sphärophon vorstellte.

Donaueschinger Musiktage in Baden-Baden 1926

Im Jahr 1926 wollte man expandieren: mehr Publikum, mehr als nur Kammermusik, größere Formate. Darum zog das Festival nach Baden-Baden. Dort folgte eine Zeit der Skandale: Zum Beispiel mit dem Songspiel „Mahagonny“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Inhalt und Inszenierung waren zu viel für das bürgerliche Publikum.

Die Skandale und auch finanzielle Probleme sorgten dafür, dass die „Deutsche Kammermusik Baden-Baden“ an ihr Ende kam. Ein kurzer Versuch von Heinrich Burkhard, das Festival als „Neue Musik Berlin“ in die Hauptstadt umzuziehen, scheiterte nach einem Versuch.

Die NS-Zeit: „Alte und neue Kammermusik aus dem schwäbisch-alemannischen Raum"

In Donaueschingen waren Fürst Max Egon II. und sein Sohn Maximilian Egon zu Fürstenberg inzwischen in die NSDAP eingetreten. Paul Hindemith und die Musik der Moderne waren nicht mehr angesagt, stattdessen folgte eine „Wiedergeburt der Donaueschinger Musikfeste auf neuer Grundlage“. „Alte und neue Kammermusik aus dem schwäbisch-alemannischen Raum".

Hugo Hermann wurde 1934 neuer musikalischer Leiter. Während des Krieges fanden keine Musiktage statt, aber schon 1946 gab sich Hugo Herrmann Mühe, die Musiktage als „Neue Musik Donaueschingen“ wieder auferstehen zu lassen.

Donaueschingen und der Südwestfunk

Heinrich Burkhard, der dem Musikgeschehen in Donaueschingen neues Leben einhauchen wollte, nahm den Kontakt zum Südwestfunk Baden-Baden auf und ab 1950 begann eine neue Ära. Der Wechsel bedeutete auch eine Schwerpunktverschiebung: Nicht mehr die Kammermusik, sondern das Sinfonieorchester steht seitdem im Fokus.

Im Donaueschingen der 1950er Jahre blieben Skandale nicht aus. Zum Beispiel 1951 die Aufführung der streng seriellen Komposition Polyphonie X von Pierre Boulez. Oder 1952 bei der Uraufführung von Karlheinz Stockhausens „Spiel für Orchester“.

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Xenakis, Messiaen, Nono, Ligeti

Die Zeit unter Heinrich Strobel wurde von Komponisten wie Iannis Xenakis, Olivier Messiaen, Luigi Nono, und vielen anderen geprägt. Einhellige Begeisterung rief 1961 die Uraufführung von Gyötgy Ligetis Werk „Atmosphères“ hervor. Als Heinrich Strobel 1970 unerwartet starb, übernahm Otto Tomek die Leitung der Donaueschinger Musiktage.

Ab 1971 heißt das Festival nur noch einfach: „Donaueschinger Musiktage“. Unter Otto Tomek entsteht das Experimentalstudio der Heinrich Strobel Stiftung, das Komponisten wie Luigi Nono (Musik24 ) oder Cristobal Halffter (Musik25) und heute Georg Friedrich Haas (Musik26) oder Marc André (Musik27) ausführlich nutzen.

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Die 1980er und 1990er

Während Josef Häusler die Donaueschinger Musiktage leitet, treten Komponist*innen wie Helmut Lachenmann (Musik 31) Brian Ferneyhough (Musik 32) und Younghi Pagh-Paan (Musik 32) auf den Plan.

Unter Armin Köhler ging eine Hinwendung zum größeren Publikum einher. Klangkunst wurde zu einem festen Bestandteil des Festivalprogramms. 1998 fusionierten der Südwestfunk und der Süddeutsche Rundfunk zu einem gemeinsamen Radiosender, dem Südwestrundfunk.

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