West Side Story - Tour 2022-2024 (Foto: Pressestelle, BB Promotion / © Jeff Busby)

Neuinszenierung des Musical-Klassikers

„West Side Story“ – Leonard Bernsteins Fluch und Segen

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AUTOR/IN
Dominic Konrad

In Theatern und Opernhäusern überall auf der Welt gehört Bernsteins „West Side Story“ zum festen Repertoire. Zweimal verfilmte Hollywood den Stoff für die große Leinwand. Nun feiert in München eine Neuinszenierung Premiere, die bis 2024 durch ganz Europa touren soll. Warum fasziniert der Musical-Klassiker noch 65 Jahre nach seiner Entstehung das Publikum?

West Side Story - Tour 2022-2024 (Foto: Pressestelle, BB Promotion / © Jeff Busby)
Die ikonischen Ballettsprünge, die Jerome Robbins in der Uraufführung für die Gangs der „West Side Story“ choreografierte, sind nahezu untrennbar mit dem Stück verbunden. Auch die Neuinszenierung von Lonny Price bleibt ihnen treu. Pressestelle BB Promotion / © Jeff Busby

Leonard Bernsteins großer Klassiker geht wieder auf Tour

Maria, Somewhere, Tonight, America – nahezu jede Nummer, die Leonard Bernstein für „West Side Story“ schrieb, hat ein Leben über das Stück hinaus. Uraufgeführt 1957 in New York, ist das Musical heute auf den Bühnen der Welt zu Hause.

„Die ‚West Side Story‘ hat so viele Jahrzehnte überdauert, weil sie das Menschliche in jedem von uns anspricht“, glaubt der amerikanische Regisseur Lonny Price, „die Macht der Liebe.“ Price hat sowohl am New Yorker Broadway als auch im Londoner Westend große Musical-Klassiker auf die Bühne gebracht.

Am 14. Dezember feierte am Deutschen Theater in München seine Neuinszenierung der „West Side Story“ Premiere. Anschließend geht die Produktion auf Tour. Geplant sind unter anderem Stationen in Zürich, Wien, Baden-Baden, Frankfurt, Dublin und Paris.

Ein alter Hut ist das Stück auch 65 Jahre nach der Uraufführung nicht, meint Price: „Obwohl die Geschichte im New York City der 50er-Jahre spielt, ist sie so aktuell wie nie zuvor. Fremdenfeindlichkeit und Gewalt gegen die ‚Anderen‘ gibt es auch heute traurigerweise noch. In vielen Ländern sind die sogar auf dem Vormarsch.“

Leonard Bernsteins unvergessliche Musik in den „Sinfonischen Tänzen aus West Side Story“

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Rassismus, Halbstarke und verbotene Liebe im New York der 1950er-Jahre

Im Januar 1949 pitcht Regisseur Jerome Robbins seinem Freund Leonard Bernstein die Idee, Shakespeares „Romeo und Julia“ als Liebesgeschichte im modernen New York ihrer Zeit zu adaptieren. Dieser notiert in sein Tagebuch:

„Jerry R. hat angerufen. Er hat eine prachtvolle Idee: eine moderne Version von Romeo und Julia, die in den Slums spielt, während man das Oster- und Pessachfest feiert. Aufbranden von Emotionen zwischen Juden und Christen.“

Den 31-jährigen Bernstein, der sich bereits als Komponist und Dirigent einen Namen gemacht hat, reizt die Idee, eine zeitgemäße Tragödie mit den Stilmitteln des Musicals zu erzählen. Vier Tage nach dem Telefonat beauftragt er den Autor Arthur Laurents, das Buch zu schreiben.

West Side Story - Tour 2022-2024 (Foto: Pressestelle, BB Promotion / © Susanne Brill)
„Romeo und Julia“ im New York der 1950er-Jahre: Der weiße Amerikaner Tony verliebt sich Hals über Kopf in die schöne Puerto-Ricanerin Maria. Pressestelle BB Promotion / © Susanne Brill

Mehrere Jahre feilen die Theatermacher an ihrer Idee. Unterdessen werden in Manhattan ganze Wohnblocks abgerissen, um Platz für prestigeträchtige Bauprojekte wie das Lincoln Center, neue Heimat der Metropolitan Opera, zu machen. Die Wohlhabenden vertreiben die Arbeiterschicht, verschiedene ethnische Gruppen, die sich in unterschiedlichen Vierteln der Stadt angesiedelt hatten, stoßen aufeinander. Der kulturelle Schmelztigel in New York ist hochexplosiv.

Gleichzeitig formierte sich innerhalb der Arbeiterklasse eine neue Jugendkultur, die sich von den Idealen ihrer Eltern lossagte. James Dean setzte ihr im Film „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ (1955) ein Denkmal. Die Macher der „West Side Story“ nutzten diese Verschiebungen in ihrem Stück. Aus dem jüdisch-katholischen Konflikt der Ursprungsidee wurde so ein Bandenkrieg zwischen zwei Jugendgangs: den irisch-amerikanischen Jets und den puerto-ricanischen Sharks.

Sharks gegen Jets in der Hollywood-Verfilmung von „West Side Story“ (Foto: IMAGO, Allstar)
Bandenkrieg in den Straßen von New York: Jets gegen Sharks. Im Bild die Hollywood-Verfilmung von 1961. Allstar

Der Erfolg der „West Side Story“ überschattet Bernsteins andere Werke

Wie bei keinem Musical vor (und nur wenigen nach) ihr gelingt mit „West Side Story“ ein engmaschiges Gesamtkunstwerk aus Schauspiel, Musik und Tanz. In seiner Partitur zitiert Bernstein gekonnt die Musik, die er auf den Straßen New Yorks hört: Kühler, von unaufgelösten Dissonanzen beherrschter Jazz beherrscht die Themen der Jets, aggressive lateinamerikanische Rhythmen kündigen die Sharks an, dazwischen knospt die Liebe zwischen Tony und Maria in lyrisch-sinfonischen Passagen.

Das Musical überzeugt Kritik und Publikum. Die mit zehn Oscars prämierte Verfilmung trägt 1961 den Erfolg um die Welt. Für Bernstein, der Ende der 1950er-Jahre zum Chefdirigenten der New Yorker Philharmoniker wird, bleibt „West Side Story“ sein größter Erfolg und wird damit sein großer Fluch.

Als Komponist strebt Bernstein zeitlebens im ernsten musikalischen Fach nach vergleichbarer Anerkennung. An die Popularität seines Opus Magnum können seine Opern, Sinfonien und Oratorien allerdings nie anknüpfen.

Lange lehnt es Bernstein daher auch ab, seine „West Side Story“ selbst zu dirigieren. Erst 1984, als international gefeierter Mahler- und Beethoven-Dirigent, dirigiert er eine Einspielung mit Opernstars wie Kiri Te Kanawa, José Carreras und Marilyn Horne. Es ist ein später Versuch, sein Musical von der Unterhaltungsmusik in die ernste Musik zu überführen.

Rachel Zegler und Ansel Elgort singen das Balkonszenen-Duett „Tonight“ in Steven Spielbergs Hollywood-Neuverfilmung

Auch 65 Jahre nach der Uraufführung ist der Zauber ungebrochen

Fremdenhass, das Aufbegehren der Jugend und die bittersüße Melancholie der ersten Liebe. Die Themen, die im Stück verhandelt werden, bleiben auch 65 Jahre nach der Uraufführung so universell und aktuell wie am ersten Tag.

Die „West Side Story“-Melodien sind als Sinfonische Tänze zu beliebten Klassikern im Konzertsaal geworden, Steven Spielbergs Neuverfilmung hat sie erst im vergangenen Jahr wieder populär gemacht.

Die Erfolgsgeschichte geht weiter, auch wenn Bernstein damit vielleicht nicht glücklich gewesen wäre. Auf die Frage, ob der Stoff seines Musical nicht veraltet sei, antwortete er am Ende seines Lebens: „Ich wünschte, er wäre es – unserer Welt zuliebe.“

Musikstück der Woche Sinfonische Tänze aus Leonard Bernsteins Musical „West Side Story“

"Somewhere! - Irgendwo auf der Welt gibt es einen Ort, an dem wir uns lieben dürfen" – das schmachtende Liebesduett von Tony und Maria aus der West Side Story zählt zu den großen Momenten der Musical-Geschichte.

Zeitwort 14.11.1943: "Ersatz-Dirigent" Bernstein wird schlagartig weltberühmt

Als Ersatzmann sprang Leonard Bernstein am 14.11.1943 kurzfristig für den erkrankten Bruno Walter ein. Sein Konzert mit dem New York Philharmonic Orchestra machte ihn schlagartig weltberühmt, der erst 25-Jährige wurde als „Boy Wonder“ der Carnegie Hall gefeiert.

SWR2 Zeitwort SWR2

Musikgespräch Christin Hagemann über das Musical „Sweeney Todd“ am Staatstheater Mainz

Christin Hagemann ist Dramaturgin für Musiktheater am Staatstheater Mainz und betreut dort die Produktion von Stephen Sondheims Musical-Thriller „Sweeney Todd“. Die Dramaturgin erzählt von den besonderen Herausforderungen und notwendigen Voraussetzungen einer Musical-Produktion wie dieser, von der Erwartungshaltung des Publikums und der Reiselust wahrer Musical-Fans.
Am 22. Oktober feiert die Mainzer Sondheim-Inszenierung Premiere.

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