Musikthema

Was ist Spiritual Jazz?

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AUTOR/IN
Niklas Wandt

Spiritual Jazz ist ein Begriff, der in Jazz-Enzyklopädien weitgehend abwesend ist, popkulturell aber geradezu inflationär gebraucht wird. Für viele afroamerikanische Musikerinnen und Musiker ist „Spiritual Jazz“ zugleich ein ärgerliches Etikett. Aber was wird eigentlich genau unter „Spiritual Jazz“ gefasst – oder besser: Was lässt sich damit überhaupt erfassen?

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Spiritual jazz ist ein erfundener Begriff, ich höre ihn oft in Europa. Also wenn du das in dieser ganz speziellen Ästhetik spielst, dann ist da nichts Spirituelles dran. [...] Wenn es um den Spirit, den Geist geht, der durchdringt die gesamte schwarze Musik! Er ist keine separate Kategorie für uns - so funktioniert schwarze Musik!“

Für die afroamerikanische Klarinettistin und Komponistin Angel Bat Dawid geht der Begriff "spiritual jazz" mit einer impliziten Abwertung einher – sind dadurch andere Formen, andere Praktiken des Jazz und schwarzer Musik im allgemeinen etwa weniger spirituell? Und worin besteht überhaupt das vermeintlich Spirituelle dieser Musik?

Konsultiert man eine Handvoll Nachschlagewerke findet man in keinem von ihnen finde den Begriff "spiritual jazz". „Spiritual Jazz“ verweist auf eine sehr spezifische Spielpraxis und Ästhetik, die vor allem mit dem Tenorsaxophonisten Pharoah Sanders und der Pianistin und Harfenistin Alice Coltrane in Verbindung gebracht werden kann.

Beide spielten im letzten Quintett des großen John Coltrane – ein tief gläubiger Musiker mit großem Interesse an spirituellen Themen aus allen Weltreligionen und auch ein Musiker, dessen Praxis etwas von mystischer Versenkung, von Meditation hatte.

Verwendung des Begriffs

Tatsächlich wird Der Begriff "spiritual jazz" ästhetisch sehr begrenzt verwendet. Albert Ayler etwa steht im Plattenladen vermutlich eher in der Kategorie "Free Jazz" – trotz der religiösen Inbrunst seines Spiels. Bei allem Feuer scheint eine gewisse Schmeichelhaftigkeit, ein zurückgelehnter und funktionsharmonisch verankerter Groove unabdingbar zu sein.

Vielleicht liegt das daran, dass Alice Coltrane und vor allem Pharoah Sanders' Platten in den letzten 10–20 Jahren eine Renaissance vor allem in der elektronischen Musikszene erfahren haben.

Es ist schon bezeichnend, dass genau dieser Strang der black american music in Europa heute noch so populär ist, während der politisch radikale Freejazz, die "black revolutionary music" weitgehend in der Obskurität der Geschichte versunken ist.

Revival des spiritual jazz

Mit dem Revival des spiritual jazz geht vor allem in der elektronischen Musikszene eine Renaissance der digitalen New-Age-Musik der 1980er Jahre einher. Beides passt in seiner Wärme und Opulenz sehr gut zum Konzept der Mindfulness, des Selbstfürsorge-Lifestyles, mit Texten und Chants, die nicht selten wirken wie die kleinen Botschaften des Yogi an den gleichnamigen Teebeuteln.

Problematisch ist das vor allem dann, wenn komplexere künstlerische Aussagen hinter soften Werbebotschaften weichgespült werden oder Künstlern ungefragt Etiketten angeheftet werden.

Kitschiger Begriff

Der afroamerikanische Saxophonist Immanuel Wilkins kam über sein protestantisches Christentum zur Musikpraxis, in einer Baptisten- und später einer Pfingstgemeinde. Seiner inbrünstigen Musik könnte man durchaus "spirituellen" Charakter attestieren - aber diesem Terminus verwehrt sich auch Wilkins im Gespräch mit dem Journalisten Peter Margasak.

Spiritual jazz klingt für mich total kitschig, mein Gott...ich kann damit einfach nichts anfangen. Häufig weiß ich auch bei dem, was damit verbunden wird, gar nicht, ob meine Musik überhaupt "spiritual jazz" ist - aber gut, den Begriff "Jazz" finde ich genauso unbrauchbar.“

Einschränkung durch Terminus

Vielleicht ist es an der Zeit, den Begriff "spiritual jazz" zu überdenken, wenn er von vielen schwarzen Musikerinnen und Musikern wie Immanuel Wilkins als exotisierend und einschränkend bezeichnet wird. Spiritualität und Mystik hat in der Jazzgeschichte schließlich viel mehr Gestalten angenommen als das spezifische Phänomen, das unter diesem Terminus gefasst wird.

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Niklas Wandt