Neues Album Starker Beginn, schwaches Ende: „Wer sagt denn das?“ von Deichkind

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6:00 Uhr
Sender
SWR2

Deichkind haben ein Gespür für griffige Parolen. Songtitel wie „Leider geil“ sind in die Jugendsprache eingegangen. Schon um die Jahrtausendwende hatte die Band ihren Durchbruch mit Stücken wie „Bon Voyage“ oder „Remmidemmi“. Seitdem besticht die Band vor allem mit aufwendigen Live-Shows, gilt als „Party-Band“. Das neue Album startet mit dem sehr kritischen und gut gemachten „Wer sagt denn das?“, flacht dann aber ab, findet Musikkritikerin Philine Sauvageot.


„Wer sagt denn das?“ ist eine Anleitung zur Quellenkritik

Das Album fängt so gut an: Deichkind haben die Frage auf alle Antworten gefunden: „Wer sagt denn das?“ ist ihr Kommentar zu unserer Zeit, in der gefühlte Filterblasen-„Wahrheiten“ das Weltbild vieler Menschen formen, und nicht wissenschaftliche Erkenntnisse. So fragen Deichkind, ob es „wirklich was bringt“, eine Mauer zu bauen. Das ganze Stück ist eine Warnung vor dem rechtspopulistischen Trick der einfachen Antworten auf komplexe Fragen, eine Anleitung zur Quellenkritik.

Deichkind geben sich demonstrativ prollig, zeigen aber Haltung

Die Band, die sich sonst so demonstrativ prollig gibt, zeigt Haltung. Was sie ja abseits der Musik schon lange tut – etwa, als sie bei der Echo-Verleihung mit „Refugees-Welcome“-Kostümen zu Spenden für Pro Asyl aufruft. Und auch musikalisch ist das sehr unterhaltsam und gerissen.

Deichkind - Wer Sagt Denn Das? (Foto: Label: Sultan Günther Music)
Deichkind „Wer Sagt Denn Das?“ Label: Sultan Günther Music

Referenzen an die Vorgänger – Markenzeichen der Hip Hop-Kultur

Denn auch wenn sich Deichkind vor Jahren vom Hip Hop abgenabelt haben und eher elektronische Tanznummern produzieren: Der Song „Wer sagt denn das?“ ist gespickt mit Referenzen, ein Markenzeichen der Hip Hop-Kultur: das Sich-auf-die-Vorgänger-beziehen, ihnen dadurch Respekt zollen. Aus der Textzeile „Wer sagt denn, wer sagt denn das?“ wird „Versace“, Edelmarke und Code-Wort aller neumodischen Cloudrapper. Und auch das Video zu „Wer sagt denn das?“ greift fremde Ideen auf – ästhetisch und inhaltlich etwa den Song „The Real Slim Shady“ von Eminem. Schon er stellte vor zwanzig Jahren in Frage, was überhaupt real, was echt ist an dem, was wir wahrnehmen.

Mit „1.000 Jahre Bier“ zurück zum Partyband-Image


Und dann bricht es ein. Nach diesem ersten Song sind Deichkind zurück mit all den austauschbaren Hits, die auf der Bühne sicher gut funktionieren. Mit dem brachialen Song „1.000 Jahre Bier“ zum Beispiel fällt die selbsterklärte „Partyband“ in alte Muster zurück.

Randalierer-Image half beim Durchbruch

Eine neue „Hit-Platte“, das verspricht das Label. Und das erhofft sich offenbar auch die Band, die vor allem mit ihren Live-Shows Geld eintreibt. In bunten Kostümen mit einem Schlauchboot crowdsurfend durch die Menge. Die Festivalveranstalter buchen Deichkind gerne. Die Band schlug 2005 alles kaputt und schaffte mit diesem Randalierer-Image den Durchbruch. Das zieht die Massen, worauf Veranstalter spekulieren. Deichkind bleiben ihrem Image treu und recyceln sogar einen alten Hit, ihren WG-Party-Standard „Remmidemmi“.

Nach der starken Eröffnung wirkt das Album plump und leer

Das soll selbstironisch sein, spielt aber doch nur mit abgedroschenen Klischees. Die Leichtigkeit des Lebens, von der Deichkind singen, ist unglaubwürdig nach dem fantastischen und netzkritischen Einstieg mit „Wer Sagt denn das?“. Danach wirkt alles Weitere plump und leer. Offene Gesellschaftskritik über die Musik steht der Band gut. Aber die Deichkinder bleiben Hedonisten – eine Verpackung, die sich verkauft.

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