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Mit handgemachter Straßenmusik hat die Stuttgarter Rockband Antiheld vor sechs Jahren angefangen. Dann wurde eine Plattenfirma auf die fünf Mitzwanziger aufmerksam und brachte sie mit eingängigen Popsongs groß raus.

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Trotz des Erfolgs hat sich die Band von ihrem Pop-Image emanzipiert und macht jetzt erfolgreich düsteren Punkrock „mit klarer Kante“. Mit ihrer neuen CD „Disturbia“ haben Antiheld es auf Anhieb auf Platz 21 der offiziellen deutschen Albumcharts geschafft.

Isolation und Einzelarbeit statt Proberaum

Für die Band Antiheld war der Pandemie-Sommer der Sommer ihres Lebens: Eine sehr verstörende aber auch produktive Zeit. Nicht in ihrem Ludwigsburger Probenraum, sondern zuhause im stillen Kämmerchen hat jeder für sich an seinen Parts gearbeitet.

Und die 12 Songs des Albums hat Sänger und Frontman Luca Optifanti innerhalb von nur sechs Wochen geschrieben. Mit Weißwein in der Isolation einer Pandemie, wie er sagt.

„Die Pandemie hat mich dazu gezwungen, mehr oder weniger, mich so tief mit mir selbst zu befassen, ich war ja nur allein. Dementsprechend habe ich das geschrieben. Das ist so ein bisschen wie Tagebuch, Selbsttherapie und die tiefste ehrlichste Selbstreflexion, die ich je gemacht habe. Es ist ein Gefühl der Ohnmacht, des Selbstmitleids, aber immer mit dem Gedanken dahinter, egal wie beschissen es uns geht, es ist egal, ob wir hier einen Virus haben, in Afrika verhungern Kinder, jeden Tag, und wir tragen unseren Teil dazu bei.“

Punkrock mit Haltung und Weltschmerz

Punkrock über die Doppelmoral der Institution Kirche, Liebe, die kaputtmacht, den Wachstumswahn, den verstorbenen Manager der Band und menschliches Versagen.

Oder über Greta Thunbergs verzweifelten Kampf für den Klimawandel, wenn es in einem Song heißt: „Wir haben gelebt, als gäb‘s kein Morgen, während die Welt nach Gnade schreit.“ Eine düstere Generalabrechnung.

Weltschmerz herausgeschrien vom 29jährigen, blondgefärbten Sänger Luca. Das Album „Disturbia“ passt so gar nicht in die Diskografie der Band, die vor ungefähr sechs Jahren an den Start ging - mit Straßenmusik und Pop, der auf Mainstream und Radio getrimmt war.

Mit der großen Plattenfirma kamen Erfolg und Unzufriedenheit

Luca sagt über die Anfangstage der Band: „Wir hatten dann stellenweise halt Konzerte, in Anführungszeichen, auf dem Stuttgarter Schlossplatz, da standen hunderte Menschen und genau das haben wir damals auch versucht auf Platte groß rauszubringen.“

Die Band Antiheld spielt ein Straßenkonzert (Foto: Imago, IMAGO / Christian Grube)
Imago IMAGO / Christian Grube

Das Konzept mit eingängigen Popsongs ging auf, eine große Plattenfirma wurde auf die fünf Mitzwanziger aufmerksam und es ging steil bergauf mit der ersten CD „Keine Legenden“.

Es folgten große Konzerttourneen, unter anderem Auftritte beim Southside-Festival und im Fernsehen. Doch mit der kommerziellen Popmusik konnte sich die Band nicht mehr identifizieren. Sie hat die lukrativen Plattenverträge über Bord geworfen und mit dem zweiten Album folgte ein Label-Wechsel.

Die Band bereut ihren Stilwechsel bis heute nicht

Inzwischen sind sich die Gründungsmitglieder Luca und der studierte Jazz-Gitarrist André Zweifel sicher, dass sie sich richtig entschieden haben: „In meiner Brust schlagen schon so zwei Herzen. Ich mag Instrumentalmusik, ich mag Jazzmusik, aber, wir sehen ja, wo wir heute stehen. Die Entscheidung ist ganz klar gefallen in eine Richtung und das ist auf jeden Fall gut so“.

Ehrlicher Punkrock mit klarer Kante und weg von belangloser Popmusik, so die Devise. Eine Rolle rückwärts und ein mutiger Sprung ins kalte Wasser, der sich gelohnt hat. Der Erfolg des neuen Albums „Disturbia“ beweist es.

Ihren Lebensunterhalt von der Musik bestreiten können Antiheld nicht

Natürlich kann die Band Antiheld auch wegen der Pandemie nicht ausschließlich von ihrer Musik leben. Doch das sehen die Musiker entspannt, schließlich haben sie nebenher noch Berufe.

Luca etwa, der sich als wannabe-linksautonomer Punk aus dem Jugendhaus bezeichnet, macht jetzt selbst Jugendarbeit und hat eine kleine Musikschule für Menschen mit Behinderung auf die Beine gestellt.

„Als ich meinen Job als Heilerziehungspfleger aufgegeben hab, weil die Musik dann endgültig so groß und so viel wurde, hat mich das irgendwann eingeholt und ich habe gemerkt, dass mir dieser Job mit den Menschen mit Behinderung einfach fehlt. Das klingt jetzt kitschig, aber das ist ein bisschen wie Familie. Das kann man mit Geld nicht so richtig aufwiegen.“

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