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Spätestens seit dem Corona-Jahr 2020 ist die Musikindustrie in der Krise. Doch die Generation Z – Menschen, die um das Jahr 2000 geboren sind und von klein auf im Internet zu Hause sind – entdeckt neue Musik ohnehin fast nur noch digital, auf TikTok, Instagram oder Youtube. „Off The Cassette“ oder „PULS Musikanalyse“ heißen neue Formate für eine Generation, die mit Feuilleton-Musikjournalismus nichts mehr anfangen kann.

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Aufmerksamkeitsspanne: 10 Sekunden

„Viele größere Blogs sind bedeutungslos geworden für die jüngere Generation, weil alle nur zehn Sekunden Zeit haben. Wenn du da nicht mitspielst, bist du raus. Deshalb sind Plattformen wie TikTok oder Instagram so erfolgreich“, sagt Caroline Vein aus Los Angeles. Sie ist 20 Jahre alt und hat auf Instagram das Musikmagazin „Off The Cassette“ gegründet.

Inhalte präsentiert der Blog so, dass sie dieser kurzen Aufmerksamkeitsspanne entsprechen. „Das ist total wichtig für die jüngere Generation. Wir wollen aber natürlich interessanter sein als andere.“

Neue Formate für Instagram und Youtube

Bei „Off The Cassette“ sehen neue Artikel aus, als seien sie aus gedruckten Magazinen abfotografiert: grelle Großbuchstaben, Retro-Design, kurze Texte. Manchmal geht es um politische Themen, Rassismus in der Musikindustrie zum Beispiel.

ZeneSoul, an Ontario-based singer-songwriter, is calling back to the days of 90s R&B.

Meist werden aber einfach nur angesagte Newcomer vorgestellt. Musik-Genres spielen keine Rolle bei „Off The Cassette“.

Diese neuen Instagram-Musikmagazine holen junge Fans dort ab, wo sie sind, glaubt Musikjournalistin Miriam Fendt. „Man kann erst dann richtigen Musikjournalismus für eine bestimmte Masse betreiben, wenn man selbst da ist, wo die abhängt, wo die sich befindet.“ 

„Fließtext in seiner reinen Form ist nicht mehr zeitgemäß“

Fendt ist Redakteurin bei PULS, dem Jugendkanal des Bayerischen Rundfunks, und betreut dort das YouTube-Format „PULS Musikanalyse“, das aktuelle Musiktrends untersucht. Diese Formate reagieren auf das Nutzungsverhalten junger Menschen.

Die entdecken Musik fast nur noch digital. Die Generation Z kann mit Feuilleton-Musikjournalismus nicht mehr viel anfangen. „Fließtext in seiner reinen Form ist einfach nicht mehr das, was zeitgemäß ist“, sagt Miriam Fendt.  

Spotify-Playlists ohne Genregrenzen

Nicht nur der Musikjournalismus reagiert auf dieses Verhalten. Auch Spotify bewirbt Playlists mit seltsamen Fantasie-Namen wie „Pollen“ oder „Lorem“, die sich explizit an die Generation Z richten: „Genre-less. Quality first“ ist das Motto dieser Playlists.

Doch die Generation Z ist auch neugierig und agiert viel kreativer mit Musik als viele Generationen vorher, glaubt Fendt. Junge Musikerinnen wie Dua Lipa oder Miley Cyrus zitieren alte Musik-Jahrzehnte und geben Disco- oder Rock-Klischees ein Gegenwarts-Update. „Diese Offenheit für Genres, für Jahrzehnte und auch ein bisschen die Naivität, das macht diese Generation aus.“     

TikTok so bedeutend wie damals MTV?

2020 hat digitale Trends beschleunigt: TikTok ist zur wichtigsten Plattform für Musikentdeckung geworden. Das Magazin „Billboard“ prognostiziert, die App könnte einen ähnlichen Einfluss auf die Musikindustrie haben wie MTV.

Junge Musikfans haben dabei offenbar keine Skrupel, die Plattformen kostenlos mit Inhalten zu versorgen. Die Naivität, von der Miriam Fendt spricht, bleibt am Ende also doppelbödig.

Aus ihr folgt zwar ein Kreativitätsschub. Aber möglicherweise auch eine unkritische Hörigkeit gegenüber den Interessen gieriger Großkonzerne.

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