Musik

Marterias Album „5. Dimension“: Sinnsuche im goldenen Käfig

STAND
KÜNSTLER/IN
Marteria
AUTOR/IN
Philine Sauvageot

Die Pandemie hat ihm sein Liebstes genommen: die durchzechte Nacht. Darüber denkt der deutsche Rapper Marteria auf seinem neuen Album „5. Dimension“ nach. Die so entstandenen Hymnen auf die Nacht sind textlich oft abgedroschen, die Geschichten so oder ähnlich tausendfach erzählt. Doch auch diesmal trifft der Carpe Noctem-Jünger den Zeitgeist einer Generation, die den Sinn des Lebens im Sich-Treiben-Lassen sucht. Ein unpolitisches Album, das allen, die sich in Marteria wiedererkennen, gefallen dürfte.

Audio herunterladen (3,5 MB | MP3)

Marteria pflegt ein Draufgänger-Image

Rap ist Vieles, aber eines fast immer: Imagepflege. Das Image von Marteria ist das des Draufgängers, des Nacht-Durchzechers. Auf seinem neuen Album gibt er sich außerdem unbesiegbar, sogar unsterblich im Angesicht einer Pandemie.

Relativiert da jemand die Pandemie oder soll das Mut machen? Es passt jedenfalls in die altbekannte Rap-Attitüde: Ich gegen die Welt. Dazu das Albumcover: Marteria im Close-up, Augenringe, nass geschwitzt, blutige Nase.

Marten Laciny, bekannt als Marteria (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Bernd Wüstneck/dpa)
Marten Laciny, wie Marteria bürgerlich heißt, hätte auch Fußballer werden können: Er spielte in der deutschen U17 Nationalmannschaft und war auf dem Weg zum Profi bei Hansa Rostock. Er hängte die Fußballschuhe allerdings an den Nagel, um sich als Model zu versuchen. picture alliance / Bernd Wüstneck/dpa

Abgedroschene Texte, tausendfach erzählte Geschichten

Tiefgang sucht man vergeblich. Dabei verspricht Marteria „die Steigerung von persönlich, eine sehr krasse Selbstreflexion“. Das Wörtchen, das am meisten fällt, im Rap kein Wunder: „Ich“.

Dicht gefolgt von „meinen Jungs“. Mit „seinen Jungs“ hängt er am Ostseestrand, mit „seinen Jungs“ hat er dieses sehr tanzbare, oft elektronische Album produziert, mit seinen treuen Weggefährten The Krauts, DJ Koze und Yasha. Das Virus treffe harte und schwache Jungs, eine Zeile. Frauen sind nur der Rede wert, wenn man sie verehren kann: „Jeder der sie sieht, geht kaputt“ oder "Ich pass auf sie auf".

Abgedroschen sind die Texte oft, die Geschichten so oder ähnlich tausendfach erzählt. Kommerziell erfolgreich dürfte das aber auch diesmal sein.

Marten Laciny, bekannt als Marteria und Die Toten Hosen Frontmann Campino (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Foto: Geisler-Fotopress/Kriemann)
Auch als Songwriter ist Marteria aktiv: Prominentes Beispiel ist der Song „Tage wie diese“ von den Toten Hosen, bei dessen Schreibprozess Marteria seinen Freund Campino entscheidend unterstützte. Foto: Geisler-Fotopress/Kriemann

Wer sich im feierwütigen Marteria wiedererkennt, wird das Album mögen

Der Carpe Noctem-Jünger singt für die vielen Ü-30-Feierwütigen, die den Sinn des Lebens in der Nacht suchen, im Sich-Treiben-lassen, im Verlorensein. Marteria ist einer von ihnen, auch er fühlt sich mal allein, ist manchmal verrückt, ein bisschen kaputt wie sie, „wie ein Einhorn ohne Vorderbeine“, das ist seine Metapher dafür.

Marsimoto, das Alter Ego des Rappers Marteria (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Foto: Geisler-Fotopress/Keuntje)
Fester Bestandteil von Konzerten Marterias ist sein Alter Ego „Marsimoto“, entstanden in Anlehnung an den amerikanischen Rapper Madlib und dessen Alter Ego „Quasimoto“. Mittlerweile gibt es bereits drei eigene Marsimoto-Alben. Foto: Geisler-Fotopress/Keuntje

Dass er in Privilegien nur so schwimmt, erzählt er uns zwischen den Zeilen, ohne das je kritisch zu reflektieren. Seine Privilegien: weiß, männlich, normschön, und er singt es auch selbst: „Wir sind die mit den Augen streng marineblau".

Ein Popsong über „diesen gottverdammten goldenen Käfig aus Privilegien und Freiheit“, steht im Pressetext. Gefangen im eigenen Glück, First World Problems. Anfang 2020, als die Pandemie anrollt, ist Marteria gerade auf Reisen, er strandet auf Barbados. Der Lockdown zwingt ihn, vier Monate in der karibischen Idylle aufs Meer zu schauen und dieses Album zu schreiben. Das Private war lange nicht mehr so unpolitisch. Aber allen, die sich in Marteria wiedererkennen, dürfte es gefallen.

Marten Laciny, bekannt als Marteria und Rapper Casper (Foto: picture-alliance / Reportdienste, indiv)
Gemeinsam mit Rap-Kollege Casper veröffentlichte Marteria 2018 das Album „1982“, in Anlehnung an ihr Geburtsjahr. Das Album wurde ein voller Erfolg und die zugehörige Tour, bei der beide auch ihre Solo-Hits performten, war deutschlandweit ausverkauft. indiv

Die erste Single-Veröffentlichung aus dem Album:

Jazz & Pop „Dunkel“, aber wohltuend: Das neue Album der „Ärzte“

Wenn sich die Band Die Ärzte auch den Titel der erfolgreichsten Punk-Band Deutschlands mit den Toten Hosen teilen, die lustigste und schlagkräftigste unter den beiden erfolgreichsten Punk-Bands des Landes sind sie auf jeden Fall, und ihre Lieder wurden auch noch nicht bei CDU-Parteitagen gespielt.
Während sich andere Bands wie Die Goldenen Zitronen vom Fun-Punk abgewandt haben, weil er ihnen politisch zu uneindeutig war, zeigen die Ärzte immer wieder, dass man auch als Spaß-Punker klare Zeichen setzen und politisch etwas bewirken kann.
„Dunkel“ ist ein Album, das mit Titel und Texten in diese Zeit passt, die komplexe Gemengelage aufs Einfachste zusammenfasst, ohne dass es wehtut. Nicht jeder und jede braucht diese Musik. Aber es kann sehr gut tun, in diesen Zeiten solche Songs zu hören.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

STAND
KÜNSTLER/IN
Marteria
AUTOR/IN
Philine Sauvageot